Löwenmama und Peter Zwegat . Oder: "Ich bin schwanger" Teil 3

Nun war ich also im „schwanger sein“ angekommen. Es ist nämlich, wie sich herausstellte, ein großer Unterschied, ob man einfach nur erfährt, dass man schwanger ist oder ob man es wirklich versteht. Ich hatte es jetzt verstanden und der kleine Untermieter und ich waren also eine Einheit. Ganz still und heimlich nur für uns. Das war nun schon ein paar Tage so. Ich brauchte Zeit, um es setzen zu lassen. Und das ging, zu meiner Überraschung, ohne die, von mir so häufig zelebrierten Heularien, Panikattacken und Ausraster. Es war ganz komisch- ich war total ruhig gewesen. So als hätten der Untermieter und ich eine „silent Einweihungsparty“ mit Opium für mich geschmissen. Aber heute verzog sich der Nebel dieser Party und wurde, ganz ohne Ankündigung, von einem sehr heftigen Gefühl abgelöst. Nämlich dem, dass ich jetzt auf der Stelle platze, wenn ich es nicht meiner Familie erzähle. Ausserdem war das ja wohl meine Pflicht. Wie ein Tiger rannte ich vor der Fensterfront meiner Wohnung hin und her und dachte nach. Auch nun würde der „Hey Mama! Tolle Nachrichten, du wirst Oma“-Moment durch die Realität stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Man darf die Situation nicht schwärzer malen als sie ist aber sein wir mal ehrlich : Welche Mutter rastet vor Freude aus, wenn die Tochter feststellt, dass sie von ihrem Exfreund schwanger ist? Keine, die noch alle Tassen im Schrank hat. Erschwerend kam hinzu, dass meine Mutter manchmal dazu neigt, sehr deutliche Worte für die jeweilige Situation zu finden. Gerne passt sie auch die Lautstärke an, um ihre Message zu unterstreichen. Im Klartext, sie würde mich wohl nach allen Regeln der Kunst zusammenscheißen. Würde ich bei meinem Kind auch tun. Oh bei dem Gedanken stellten sich mir die Nackenhaare auf.
Weil es so großen Spaß machte, quälte ich mich noch ca 40 Mal imaginär durch den Moment, in dem ich es ihr schonend beibringen würde. Hier ging es um Sensibilität und Einfühlungsvermögen. Aber egal wie oft ich das Szenario durchspielte um die Worte „schwanger“, „Exfreund“ und „ich“ kamen wir wohl nicht herum. Und sobald das raus wäre, würde sie nicht mehr um die Worte „bescheuert“, „Katastrophe“ und „mein liebes Fräulein!“ herumkommen.

So oder so- das musste jetzt raus. Ich musste mit jemandem reden und meine Mutter war eben meine engste Vertraute. Der Druck in mir schien plötzlich so unglaublich groß. Und egal wann ich es ihr sagen würde, es wäre immer das Gleiche. Zu warten bis der Untermieter rauskommt und dann auf den Niedlichkeits-Faktor zu setzten, ähnlich wie bei Hundewelpen, die auch jeder mag wenn sie erstmal da sind, ist keine realistische Option. Ich nahm mein Handy und beschloss es ihr gleich zu sagen. Während es klingelte kam ein Gefühl in mir hoch, dass ich sehr lange nicht mehr gehabt hatte. Nämlich diese komische Mischung aus aufsteigenden Tränen, Angst und Hyperventilation, die man aus der Schulzeit kannte, wenn man den Eltern etwas echt schlimmes Beichten musste. Ich atmete wie ein Kaninchen vor der Schlange und erschrak ein wenig als die Mobilbox ranging. Und dann platze es aus mir heraus. „Äh ja hi. Jetzt geh halt endlich mal ran, Mensch! Ich bin schwanger! Ein bisschen.“
Oh Gott. Ja spinne ich denn? Warum hatte ich ihr das denn jetzt auf die Mobilbox gestammelt ? Das war nicht das, was ich mir unter Diplomatie und Einfühlungsvermögen vorgestellt hatte. Ich haute mir mehrfach auf die Stirn und konnte meine Dummheit nicht fassen. War ich jetzt schon total verblödet? Sind das die berühmten Hormone?? Nein, die machen einen doch nicht debil, oder? Meine Mutter würde einen Herzinfarkt bekommen, wenn sie das abhört. Das wächst sich zur Katastrophe aus. Ich musste sofort nach Regensburg zu ihr fahren. Und dort ankommen bevor sie das Band abhört. Gott sei Dank verbringt meine Mutter die Hälfte ihres Lebens in ewigen, langweiligen Sitzungen und schaut währenddessen nicht auf ihr Handy. Es waren ca anderthalb Stunden Fahrt nach Hause - gut möglich, dass ich dort bin bevor sie diesen Beleg des Wahnsinns abhört.

Die Fahrt kam mir sonst immer ewig vor. Aber diesmal schien es als würde ich fliegen. Schon hatte ich die Autobahnausfahrt erreicht und bog auf unser Grundstück ein. Sie hatte bis jetzt noch nicht angerufen, also hatte sie die Nachricht nicht gehört. Das war sehr gut. Super toll sogar. Es änderte aber nichts, an der sehr schwierigen Grundsituation die hier gleich auftauchen würde. Sie würde mich verbal in den Nacken beißen, hochheben und durchschütteln, wie Löwenmamas das machen um ihre Jungen zu erziehen. Ja, meine Mama ist nämlich Typ „Löwenmama“
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Noch weitere Minuten im Auto zu sitzen machte keinen Sinn deshalb nahm ich meinen Mut zusammen und ging Richtung Eingang. Die Firma meiner Mutter befindet sich im Erdgeschoss unseres Wohnhauses. Ich würde sie also vor dem Sitzungsraum abfangen und ins Wohnzimmer schleusen um dann möglichst geschickt die Lage zu schildern.Ich war immer super darin gewesen zweistündige Referate über Themen zu halten, von denen ich nichts verstand. Dann würde ich das doch jetzt auch hinbekommen irgendwie. Doch als ich die Einfahrt hinunter lief und mich schon bis auf ein paar Meter der gläsernen Eingangstür genähert hatte, geschah sehr bedenkliches. Meine Mutter öffnete die Tür. Oh Gott. Ich blieb kurz stehen, um dann , sehr viel langsamer als zuvor, weiterzuschleichen. Wie lang konnte man für 15 Meter Weg maximal brauchen? Nicht lang genug, damit sie vergaß, dass ihre Tochter schwanger ist. Wusste sie es überhaupt? Hatte sie das Band abgehört? Schwer zu sagen. Die Situation war äusserst seltsam aber ich würde es am ehesten mit zwei vorsichtigen Hunden vergleichen, die sich das erste mal sehen. Die bleiben immer ca einen Meter voneinander entfernt stehen und betrachten ganz genau und fast starr das Verhalten des anderen. Und das taten wir gerade auch. Ich versuchte händeringend irgendwas in ihrem Gesicht oder an ihrer Körpersprache zu erkennen. Aber das Verblüffende war, das tat sie scheinbar auch! Einen Meter vor ihr blieb ich stehen- Hunde sind schlaue Tiere und haben oft Recht.
Sie wusste es ganz sicher. Jetzt ging es gleich los mit dem löwenmäßigen Schütteln. Wortlos stand ich da und nach ein paar ewigen Sekunden sagte sie :“ Und wie finden wir das jetzt?“

Was? Kein Geschrei, keine Zurechtweisung, nicht mal Ansätze von Enttäuschung? Da ich darauf nicht eingestellt war, antwortete ich einfach und schlicht: „Das habe wir noch nicht so ganz durchdacht.“
Wortlos deutete sie mir hereinzukommen und bat, auf dem Weg zu den Büros, ihren Sekretär bitte Wasser und Tee in Konferenzraum zu bringen. Hatte sie jetzt einen Termin? Das wäre gut, dann hätten wir eine oder zwei Stunden bevor es zur Sache ging. Sie lief zielstrebig weiter und es war klar, sie hatte einen Termin - mit mir. Sie setzte mich echt in den Konferenzraum. Und sich selbst, wie gewohnt, an den Chef-Platz am Tischende. Still und steif saß ich auf diesem harten Stuhl und schaute sie an. Und meine Mutter atmete tief und lehnte sich demonstrativ in ihrem Sessel zurück. „Dann erzähl mal. Bist du sicher? Woher weißt du das denn jetzt?“ fragte sie ganz ruhig. Und ich erzählte ihr Alles. Das Ultraschallbild lies ich mal in der Tasche, ich wollte nicht übers Ziel hinausschießen.

„Hast du es Jerome gesagt?“ wollte sie sofort als nächstes wissen. „Nein, wir reden seit Tagen nicht mehr. Und ich denke das sollte jetzt erstmal auch so bleiben.“ erklärte ich kleinlaut. „Da hast du wohl Recht. Ein Kind hat noch nie eine Beziehung gerettet oder Liebe entfacht.“ pflichtete sie bei. Da waren wir uns also einig. Sie ist eben meine Mama und kennt mich gut. Ich würde nie eine Mann mit einem Kind an mich fesseln wollen. Dazu bin ich zu stolz. Und das haben weder ich noch der kleine Untermieter je nötig!
„Aber was ist mit dir? Wie stehst du dazu?“ ging sie zum nächsten Punkt über. „Naja, ich war echt überrascht und über Formalitäten und Details habe ich mir jetzt noch keine Gedanken gemacht. Aber ich fühle mich wohl mit dem Gedanken. Und ich wollte ja immer Kinder. Zwar mit Ehemann und Haus mit Gartenzaun aber hey- wann lief bei uns denn mal was nach Plan?“ fragte ich mit einem vorsichtigen Grinsen. Und zu meiner Überraschung grinste meine Mutter zurück. Man muss wissen, dass die einen weichen Kern hat, der gleich so weich ist, dass man ihn als flüssig bezeichnen müsste. Aber, in Löwenmami-Manier kommt der immer erst nach dem Donnerwetter zum Vorschein. Diesmal nicht. Und langsam wurde mir klar warum. Sie antwortete fast vergnügt :“Dass du nicht wenigstens in diesem Punkt mal mehr Glück haben konntest als ich“. Meine Mama hatte meinen Bruder und mich die meiste Zeit ihres Lebens alleine durchbringen müssen und war immer die Einzige, die die Verantwortung für uns übernahm. Sie arbeitete immer so hart sie konnte und versuchte gleichzeitig genug Zeit für uns zu haben. Und nun sah es so aus, als würde es vielleicht für mich genauso laufen. Ich quälte mir ein Lächeln ab zuckte mit den Schulter.

Dann stand sie auf und zog das Flipchart aus der Ecke des Raumes zu sich heran. „Dann wollen wir mal sehen, was da auf uns zukommt“ sagte sie beherzt. Und dann, man stelle sich das vor, machte sie eine Liste meiner Rücklagen, monatlichen Ausgaben, vorraussichtlichen Einnahmen und der Mehrkosten fürs Kind. Sie sah aus wie eine sehr hübsche weibliche Version von Peter Zwegat bei „Raus aus den Schulden“.
Aber nach einer knappen Stunden stellte sie zusammenfassend fest :“ Da dir alle geplanten TV-Shows und Aufträge für nächstes Jahr durch die Schwangerschaft fast gänzlich wegfallen, wird das Alles sehr eng werden. Du wirst viel besser Haushalten müssen. Keine Shopping-Touren oder Urlaube mehr. Aber wenn du dich zusammenreißt, wird es funktionieren.“ Sie stand da und deutete auf das große weiße Blatt und ihre Aufstellung. Ein wenig stolz sah sie aus, als hätte sie gerade die Staatsverschuldung behoben.
Für mich war das etwas viel und ich konnte schon ab Minute 5 nicht mehr Folgen aber das Resultat gefiel mir.
Sie setzte sich wieder und legte den Stift aus der Hand. „Da wäre noch ein weiterer wichtiger Punkt zu klären“ kündigte sie stimmungsvoll an. „Also dass du jetzt mit 24 Mutter wirst, ist die eine Sache. Aber ich fühle mich bei Gott nicht wie eine Oma. Deswegen schlage ich vor, dass mein Enkel mich „Nana“ oder so nennt. Das macht der Enkel meiner Freundin auch so und das finde ich sehr gut.“ erklärte sie während sie anfing zu lachen. Da fiel zum ersten Mal wirklich die Anspannung von mir ab und ich musste auch lachen . Sehr. Fast zuviel, so wie hysterische Clowns in Krimis.

Und dann sagte sie einen Satz, von dem ich wusste, dass meine Oma ihn zu ihr gesagt hatte, als mein Papa uns verlies als ich noch sehr klein war. Nämlich : „Ach Schatz, den kleinen Mensch bringen wir doch auch noch durch“. Und da musste ich weinen. Dabei lachte ich aber einfach weiter. Jetzt muss ich wirklich ausgesehen haben wie die Psychopathen aus den Filmen. Aber das war egal. Der wichtigste Mensch im meinem Leben, meine Mama, war an Bord. Sie war an unserer Seite und damit standen wir Anderthalb doch sehr gut da, denn Löwen-Mamas haben einfach unschlagbare Qualitäten. Hoffentlich werde ich auch eines dieser seltenen Exemplare.
Es war zwar Alles nicht so, wie es sein sollte oder wie ich es mir mein Leben lang gewünscht hatte, aber dennoch war es gut. Ohne Ehering, ohne Haus und ohne den großen Moment in dem Alle ausrasten weil man als Paar feierlich verkündete, dass man Nachwuchs bekam. Diesen Momenten trauerte ich noch immer schwer hinterher aber wie sagt ein Sprichwort „Leben ist das, was passiert während du andere Pläne machst“. So ist es nunmal. Aber noch viel öfter hört man doch auch :“Alles kommt, wie es kommen muss.“ und „Alles wird gut“ .Daran glaube ich fest.