"Oh Gott- ich bin schwanger" Teil 2

Sein oder nicht sein - das ist hier die Frage.

Ich mag diesen Moment, in dem man langsam aufwacht, aber noch nicht ganz bei sich ist. Man hält die Augen geschlossen und das Betriebssythem muss quasi erst hochfahren. Raum, Zeit und Situation sind für den Bruchteil eines Sekunde noch nicht da. An diesem Morgen hätte ich diesen Moment gerne noch etwas länger gehabt. Viel länger. Denn der erste Gedanke in meinem Kopf war „Du bist schwanger“. Ganz entgegen meiner Art, war ich sofort hellwach, riss die Augen auf und starrte den Wecker an. Es war 6Uhr. Und ich war schwanger. Gestern hatte ich es zwar erfahren aber scheinbar bis jetzt nicht wirklich begriffen. Seltsamerweise entschied ich mich, nachdem die große Bombe platzte und ich endlich aufhören konnte zu heulen, zu lachen und dann wieder zu heulen, erstmal dafür ganz normal nach Hause zu fahren und zu tun als währe nichts. Und das funktionierte ohne Probleme. Schade, dass sich der Zustand des notfallmäßigen Verdrängens scheinbar nicht mit in den nächsten Tag tragen lies. Dazu bin ich nicht verrückt genug.
Ich schälte mich aus dem Bett und ging erstmal ins Bad um Zähne zu putzen. Und ich weiß nicht was ich erwartete aber ich war etwas irritiert darüber, dass mein Spiegelbild aussah wie immer. Ich fühlte mich auch genau wie immer. Sehr unschwanger. Und da beschlich mich der Gedanke, dass ich vielleicht nicht schwanger sei. Ein paar Sekunden starrte ich mich im Spiegel an und sponn den Gedanken weiter. „Wenn mein verwirrter Hippie-Arzt angeblich fähig war vor 4 Wochen ein Kind zu übersehen- vielleicht bildete er sich jetzt eines ein. Das was man vor 20 Jahren noch als Ultraschallgerät bezeichnete stand in seiner Praxis und gab ein Bild wieder, dass einer Empfangsstörung im Kabel-TV glich. Da konnte man sich leicht vertun“ brabbelte ich vor mich hin. So musste es gewesen sein. Also wenn einer mal sowas von nicht schwanger sein kann, dann ja wohl ich !

Hektisch rannte ich in mein Wohnzimmer, suchte mein Handy und telefonierte mit geschätzt 35 Münchener Frauenärzten, bis einer sofort einen Termin frei hatte. Solche Dinge müssen sofort funktionieren. Noch während des Telefon-Marathons zog ich mich an, das Handy zwischen Schulter und Kopf geklemmt. Ich kann manchmal so schnell und effektiv vorgehen, das können sich die Menschen, die mit mir leben und arbeiten müssen kaum vorstellen.
Das letzte Mal bin ich so gerannt als man mir mitteilte „Prada“ habe jetzt Sale.
Keine zwei Minuten später saß ich im Auto und fuhr in eine der bekanntesten High-Tech-Praxen Münchens. Ich will ja nicht wieder durch eine, als Ultraschall verkleidete, Bildstörung als schwanger abgestempelt werden. Irgendwie war ich euphorisch und kam mir sehr clever vor. Ich bin eben nicht eine dieser Frauen, die einfach alles glaubt, was man ihr mal eben so auftischt. Und wenn ich schwanger wäre, würde ich das ja wohl wissen. Mein Uterus, meine Realität!

Eine kurze Fahrt später kam ich vor einem Neubau an, bei dem man nicht wusste ob er die NASA beherbergte oder eine Arztpraxis. So gefiel mir das. Der Empfangsbereich war gerade grell ausgeleuchtet und eine blonde, sehr ernste Frau saß hinter dem Tresen. Mit meinem besten „Ich bin jung, ledig und nicht schwanger“-Lächeln trat ich näher und sagte fröhlich :“Hallo. Mein Name ist Sara Schätzl und ich habe gerade angerufen. Man sagte mir, ich könnte sofort kommen und hier bin ich“. Gelangweilt schaute die Dame in weiß auf und entgegnete :“Ja genau. Der Notfall. Worum geht es?“. Bemüht der Situation nicht unnötige Tragik zu verleihen erklärte ich betont lässig :“ Also mein Frauenarzt sagt ich wäre schwanger aber er muss sich da vertan haben. Er ist ein sehr lustiger Mann aber wohl schon etwas älter. Jetzt brauche ich eine Bestätigung, dass er sich irrt und ich nicht schwanger bin“. Schon deutlich interessierter als vorher blickte die Sprechstundenhilfe zu mir hoch und legte den Kopf leicht schräg bevor sie fragte :“Da irrt man sich aber als Arzt normalerweise nicht . Komisch. Und warum genau können Sie so sicher nicht schwanger sein?“ Ja ist die denn total blöd? Ich werde es ja wohl wissen! Mit der Eloquenz einer Grand Dame blaffte ich ihr ein unfreundliches „Ja weil halt!!“ entgegen.
Sie war sichtlich überrascht. Wenn sie nicht wollte, dass ihr kleiner Empfangstresen zum Anfang eines Schützengrabens wurde, sollte sie jetzt die Klappe halten und mich zu einer kompetenteren Person bringen! Schließlich ist das ein Notfall ! Ich habe nicht die Zeit noch länger als Fast-Schwangere rumzudümpeln. Und siehe da, die Frau bemerkte scheinbar, dass ich keine Lust auf ihre indiskrete Fragestunde hatte und reichte mir zügig ein Blatt Papier. „ Bitte ausfüllen. Krankenkassenkarte und 10 Euro“ forderte sie bockig aber endlich auf Spur.
Als ich so im Wartezimmer saß war mir eigentlich schon klar, dass ich nicht schwanger sein konnte. Ich betrachtete die Info-Broschüren mit kleinen Baby drauf und empfand rein garnichts. Wenn man schwanger ist, sorgen ja sicher die Hormone dafür, dass beim Anblick eines Babys sämtliche Bereiche der Hirns auf „Oh wie süߓ sprangen. Nicht so bei mir. Nicht mal fast. Und das bestärkte und beruhigte mich. Dr.Hassi musste echt über Ruhestand nachdenken. Der kann mit seinen wilden Diagnosen in sämtliche Richtungen ja sonst was anrichten! Ein grauhaariger Mann im weißen Kittel kam in das Wartezimmer und riss mich aus meinen Gedanken. „Frau Schätzle ?“ Ich hab mich damit abgefunden, dass fast jeder meine Namen falsch ausspricht und korrigiere die Menschen nicht mehr. „Ja hier“ rief ich etwas übermotiviert, raffte meine Jacke unter meinen Arm und lief dem Doc entgegen. Er war um die 40 und scheinbar im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Soweit so gut. Ein kurzes Händeschütteln und ich folgte ihm in den Behandlungsraum. Wir setzten uns und er warf einen kurzen Blick auf die Karteikarte mit meinem Namen darauf. „Sie sind also schwanger?“ fragte er und schaute mich erwartungsvoll an. „Nein. Eben nicht. Das ist ein Missverständnis. Mein Arzt muss sich vertan haben“ erklärte ich geduldig. Ein sehr fragender Ausdruck machte sich auf dem Arzt-Gesicht breit deswegen legte ich noch mal nach : „Wissen Sie das zu erklären wäre jetzt etwas mühsam und wir zwei haben ja nicht ewig Zeit. Deshalb würde ich sagen, wir machen kurz einen Ultraschall mit ihrem tollen Gerät, durchleuchten meine Gebärmutter und schreiben mir dann ein Attest, dass ich nicht schwanger sei.“

„Ich kann nicht ganz folgen aber es wollte noch nie jemand ein Attest, dass sie nicht schwanger sei. Wem wollen Sie das denn vorlegen?“ hakte er unnötigerweise nach. „Ach nur so für mich. Die erste Fehldiagnose hat mich etwas verunsichert also habe ich die Dinge gern schwarz auf weiߓ erklärte ich betont lapidar. Sichtlich ratlos stand er auf und schlug vor, dann doch erstmal den Ultraschall zu machen. Sehr schön. Am anderen Ende des Raumes war sein hochmodernes Gerät und die Liege dazu platziert. Sehr beeindruckend. Sicher teuer. Gut gelaunt und kein bisschen gespannt legte ich mich hin und machte den Bauch frei. Der Doc und ich hatten nun wohl das gleiche Tempo denn ehe ich richtig lag hatte ich eine große Menge des kalten, glitschigen Ultraschall-Gels auf den Bauch. Und keine zehn Sekunden später den dazugehörigen Schallkopf. Mir gefiel das. Endlich ging etwas voran. Ein sehr kompetenter Meister seines Faches. Kein Wunder, dass der sich so eine schöne Praxis leisten konnte. Schon wenige Sekunden später war er durch und nahm den Schallkopf weg und sprach „Sie sind eindeutig schwanger. Ca 8-9 Woche. Kein Zweifel“

Ich schaute zu ihm auf und fragte das einzige, was mir noch einfiel : „Wie sicher ist das jetzt und wo liegt ihre Quote der Fehldiagnose in diesem Bereich?“
Er rollte mir seinem kleinen Hocker in wenig näher an mich ran und legte seine Hand auf meinen Unterarm. Ich kam mir vor wie in den kitschigen Folgen von „Emergency Room“. „Hören Sie, Frau Schätzle, da ist ein kleiner Mensch in ihrer Gebärmutter. Mit Fruchtwasser, einem Herzschlag und Allem was dazugehört. Den können wir nicht wegdiskutieren. Man kann eine Schwangerschaft am Anfang mal übersehen aber keine dazuerfinden. Also liegt das Risiko einer Fehldiagnose genau bei NULL.“ erklärte er mit der gekünstelt ruhigen Stimme eines Therapeuten. Mit leicht zusammengeniffenen Augen blinzelte ich zu ihm hoch. Ich hatte gerade nichts zu sagen irgendwie. Das war ihm wohl aufgefallen und er bat mich, zum Gespräch zurück an den Schreibtisch. Nachdem ich mir mehr schlecht als recht das Gel abgewischt hatte, tat ich wie mir geheißen und lies mich wieder auf den Stuhl von zuvor fallen. Und noch immer hatte ich nichts zu sagen. Einfühlsamer TV-Arzt, der er nunmal zu sein schien, hatte er ein gutes Gespür für die Situation und nahm die Sache in die Hand. „Ja dann erstmal Glückwunsch! Ich würde sagen Sie lassen das erstmal setzten. Und weil Sie ja, wie Sie selbst bemerkten, ein Freund von Attesten sind, schreibe ich Ihnen gerne eines“ erklärte er lachend und strahlte zu mir rüber. Das hatte er eindeutig als Scherz gemeint aber ich fand den Gedanken gut und sagte nur „Gute Idee. Das ist wirklich nicht schlecht. Machen Sie das mal.“ Ein kurzer Moment der Überraschung war ihm anzumerken aber dann fand sofort die Souveränität zurück in sein Gesicht und er stand plötzlich auf. Warum? „Ach Frau Schätzle. Ich habe da glaube ich was besseres für eine Ungläubige, wie Sie. Moment.“ sagte er geradezu fröhlich und verschwand kurz im hinteren Drittel des Raumes. Ich schaute ihm nicht nach sondern saß einfach still und unverändert da. Keine Regung innen wie außen. Und da kam er zurück und präsentierte mir stolz ein Stück Papier. Er legte es vor mir auf den Schreibtisch und erklärte :“Das ist die Ultraschallaufnahme, die ich gerade für die Akten abgespeichert habe. Das erst Foto ihres Kindes!“ WOW. Plötzlich kehrte bei mir wieder Leben ein und ich schnellte mit dem Oberkörper Richtung Tisch. Ungläubig starrte ich das Bild an. Und, ich sag es ehrlich, ich erkannte da nichts. „Hier ist die Gebärmutter, das ist die Fruchtblase und da ist das Baby“ griff der Arzt beherzt ein. Ja, also jetzt wo er es sagte erkannte ich es klar. Wie ein zerbrechliches Liebhaberstück nahm ich es hoch und starrte es an. Mit Interesse und zu meiner eigenen Überraschung kein bisschen geschockt. Und so kompetent ich den Herren in weiß auch fand, ich wollte jetzt mit dem Bild alleine sein. Also verabschiedete ich mich knapp, schnappte mein Bild und meine Jacke und ging.

Und vor der Tür schaute ich es sehr lange an. Und von all den Zweifeln und dem Gefühl der Unwirklichkeit war nichts mehr da. Plötzlich war es in Stein gemeisselt. Ich bin schwanger. Und anders als gestern musste ich nicht weinen. Ich musste garnichts. Und mir fehlte auch kein Mann an meiner Seite. Da standen nun ich und ein blinder Passagier und uns fehlte erstmal nichts.
Auf dem Weg nach Hause befiel mich spontan der Gedanke, dass ich doch ein Andenken an unseren ersten Tag „zu zweit“ brauchen würde. Da ich gerade sowieso kurz vor einem Kaufhaus war, hielt ich dort und suchte, zum ersten Mal in meinem Leben, die Kinderabteilung. Und schnell wurde ich dort bei einem Regal mit kleinen Stoffelefanten fündig. Die sahen aus, als könnten sie meinem Kind gehören. Und es gab sie in rot und in blau. Kurz hielt ich inne und versuchte etwas ganz neues: Ich suchte in mir drin nach einem Gefühl. Und das sagte ohne jeden Zweifel :“BLAU“.

So fuhren ich und der Passagier mit unserem blauen Elefanten nach Hause. Das war unser erster wirklicher Tag zu weit. Und der Beginn der bisher spannendsten Zeit meines Lebens.

Und heute weiß ich, der Beginn der Liebes meines Lebens. Der Liebe zu meinem Sohn.