Meine Nacht mit dem schönsten Mann der Welt

Es ist Samstag in München. Ich telefoniere mit meinem schwulen, modebegeisterten Freund, wir diskutieren die Möglichkeiten des Abends und er überredet mich auf eine Veranstaltung namens „Modetraum“ zu kommen. Sowas liegt mir nicht, denn selbst ich habe kein Outfit, dass mich so dünn aussehen lässt wie die ganzen Laufstegzicken, die auf solchen Events vertreten sind. Allerdings ist immer noch genug Buffet da, denn die meisten Anwesenden haben sich das Essen ja scheinbar vor einiger Zeit abgewöhnt.
Ich ziehe mir wahllos eines meiner vielen Minikleider und passende High-Heels an. Ja, das ist für mich eine Art Ausgehuniform. Man sieht mich nach 22 Uhr eigentlich nie anders. Die 12 cm-Absätze brauche ich denn ich bin klein. Und klein ist nicht chic! Hätte ich gewusst, wie sich der Abend entwickelt, wäre ich noch zu einer Stylistin und zum Friseur gerannt.
Gegen halb 11 treffe ich an der Praterinsel ein. Hier war ich noch nie denn wegen des Namens dachte ich irgendwie das wäre was für Penner und gammelnde Studenten. Aber hier ist es bunt, cool und sehr stylish. Während ich hierher fuhr kümmerte sich mein Freund um einen weiteren Gästelistenplatz und nun empfing er mich brav am Eingang.
Hier sieht jeder aus, als käme er gerade vom Laufsteg. Ich komme mir in meinem schlichten Cavallikleid irgendwie farblos und langweilig vor.
Und dann lässt meine schwule Lieblingsbegleitung die Bombe platzen :
Markus Schenkenberg läuft heute hier für das Label „Discofozä“. Kein Scherz, das heißt so. Markus Schenkenberg ?Der wahrscheinlich schönste Mann der Welt? Mit Tagesgagen zum rotwerden?! Unmöglich. Ich muss rausfinden, ob das stimmt. Und da ich hier in der tollen Modewelt fast niemand kenne, wähle ich den zuverlässigsten Weg : Die Security Jungs. Ich gehe selbstbewusst auf den Schrank von Mann, der die Türen zu den Showrooms bewacht, zu. Den Rock zieh ich für solche Angelegenheiten auch mal etwas hoch. Look but don`t touch. Ich will, wie selbstverständlich, an ihm vorbeimarschieren als er mich nach meinem Bändchen fragt. MIST. Ich sehe ihn böse an und frage ihn in Englisch ob er nicht wisse, dass ich die persönliche Assistentin von Markus Schenkenberg sei. Ich nuschle undeutlich damit er nur den Namen Schenkenberg versteht. Er ist wohl kurz überfordert und meint „der Schenkenberg ist beim Umziehen gegenüber“. Da bin ich platt. Markus Schenkenberg ist hier! In einem münchner Hinterhof !! Ich bin wie in Flammen, denn es ist wohl meine einzige Chance diesen Mann mal live zu sehen.
Ein Plan muss her. Innerhalb von Sekunden entsteht in meinem Kopf eine wahnwitzige Guerillataktik. Ich brauche SOFORT einen Backstagepass oder ich sterbe. Hektisch ziehe ich mein iPhone aus der Tasche und schreibe eine Rund-SMS an alle Leute, die ich irgendwie mit der Modeszene in Verbindung bringe.Drei Minuten später bekomme ich die erhoffte Antwort „Liebste Sara, habe mich darum gekümmert. Backstagepass liegt an der Kasse bereit.“
Ich stöckle zum Eingang und nehme mein grünes Bändchen entgegen. Aber nicht ohne entsetzt noch ein Zweites zu verlangen, denn ich könne ja schließlich nicht ohne meinen Assistent irgendwo hingehen. Das junge Mädchen an der Kasse ist perplex, will aber einen Wutausbruch meinerseits scheinbar nicht riskieren und rückt das Band raus.
Ab in den Backstagebereich. Hier herrscht Chaos. Zu viele Menschen, Kleider, Stylisten. Und mitten drin ein großer Mann der mich fragt was ich hier tue. Ich stelle mich selbstbewusst vor und sage ihm dass ich eine Story über das Event schreiben würde. Ich finde das kann man durchgehen lassen. Bevor er antworten kann frage ich ihn energisch wo denn nun Markus Schenkenberg sei, denn ich hätte ja nicht ewig Zeit und müsste heute auch noch über Eric Clapton berichten (ich wusste von Freunden, dass Herr Clapton gerade im Nachtcafe saß). Genervt sagt er mir, dass die Reporter alle vor der Tür zu Markus Zimmer warten sollen und dann der Manager entscheidet wer überhaupt mit ihm sprechen darf. Ich wollte ja nur ein Foto, reden fand ich nicht so wichtig.
Da stand ich nun. Zwischen sehr vielen Fotografen und Journalisten. Alles Männer, meist dunkel gekleidet. Laut den Presseleuten war Markus noch nicht da. Ich zündete mir eine Zigarette an und wartete.
Als ich gerade fertiggeraucht hatte teilte sich plötzlich die Menge und ER lief begleitet von Bodyguards und Manager auf uns zu. Er winkte kurz freundlich und blieb plötzlich bei mir stehen. Ich starrte ihn wie ein 5 jähriges Mädchen an. Er fragt mich wie es mir geht und was ich hier mache. Ich brabble irgendwas Wirres von Backstageeindrücke und Fotos. Er schaut mir während der ganzen Zeit tief in die Augen und ich frage mich was da gerade passiert. Sein Manager bittet ihn weiterzugehen und plötzlich ist er weg.
Wow. Langsam löste sich meine Schockstarre und ich schnauzte meinen Kumpel an warum er kein Foto gemacht hätte.Aber der war ja genauso spontan verliebt in Marcus wie ich. Zwei Minuten später geht die Tür zu Mr Sexys Zimmer wieder auf. Ein Mann kommt raus und winkt mich herein. Ich bin verunsichert und weiß nicht genau was ich jetzt machen soll.Ich laufe in den fremden Raum und ziehe meinen Freund energisch am Ärmel hinter mir her. Markus sitzt auf einem Sofa, vor ihm Champagner. Der Manager begrüßt mich und meint ich könne nun das Interview mit Markus führen. INTERVIEW ? Ich hatte nie um eines gebeten. Ich setze mich unsicher neben Marcus auf die Couch. Er sieht umwerfend aus. Und er riecht so gut! Er sagt ich wäre die schönste Reporterin die er je gesehen hätte. Das ist sicher eine Lüge aber das ist mir egal. Wir flirten vor den Augen aller Anwesenden wie verrückt und ich kichere öfters wie ein kleines Kind. Ich unterbreche unsere private Unterhaltung immer wieder mit blöden Fragen wie „Gefällt dir München ? “ um irgendwie seriös zu wirken. Aber dann zieht er sein Handy raus und fragt, ob ich Lust hätte ihn mal irgendwo privat zu treffen. Da muss er mich nicht zweimal fragen. Er lässt es sofort auf meinem iPhone anklingeln. Ich hatte jetzt Markus Schenkenbergs Nummer ! Dann fragte er mich noch unglaublich höflich ob ich mit ihm zur Afterparty gehen wolle.Ich versuche die Fassung zu bewahren und die Gedanken an ein gemeinsames Leben als Frau Schenkenberg zu unterdrücken. Mittlerweile vergesse wer da vor mir steht. Wir flirten und lachen als hätten wir uns zufällig in einer Bar getroffen. Als wir aufstehen um ein paar abschließende Fotos zu machen schaut er mich an und zieht plötzlich sein Hemd aus. Einfach so. Die Situation ist absurd aber fantastisch. Er nimmer mich in der Arm und wir posieren. Dieser Mann ist unfassbar weich.
Auf der Party wird er von Leuten umringt und redet pflichtbewusst mit jedem. Ich stelle mich mit meinem Begleiter an die Bar und bestelle einen Drink. Als er mich sieht löst er sich aus der Gruppe und kommt zu mir rüber. Wir unterhalten uns noch lange und ich bin beeindruckt. Er ist einfach ein sehr netter Kerl. Keine Spur überheblich und auch sicher keine Spur Schwul. Er erzählt mir von seiner Familie, seiner Arbeit und seinem Leben.
Irgendwann beschließe ich, dass auch die schönsten Nächte enden müssen und verabschiede mich. Wir verabreden unser nächstes Treffen für in zwei Wochen und dann gehe ich einfach. Und lasse den schönsten Mann der Welt fürs erste zurück.
Deswegen liebe ich München. Hier ist es auch als ganz normales Mädchen möglich, mit den richtigen Kontakten und etwas Kreativität, am Ende des Abends die Telefonnummer von Markus Schenkenberg zu haben.
Und das kann jeder, wenn er nur will.