Und dann verloren wir gegen Spanien...

Ich bin kein Fußballfan. Ich besitze nicht mal ein Trikot. Ich lebe in München und die Spieler, die ich hier im Nachtleben antreffe sind für mich überbezahlte, arrogante, kritikresistente kleine Jungs. Aber vielleicht habe ich bis jetzt nur die Falschen getroffen. Jedenfalls kann mir der FC Hollywood gestohlen bleiben und ich bemerke ein Heimspiel nur weil der Stau um die Allianz Arena mich zum Ausrasten bringt.

Aber diesen Sommer hat sich etwas geändert. Die deutsche Elf schlich sich geradezu hinterhältig in mein Herz. Man konnte ihnen ja auch schlecht entkommen, denn sie waren in jeder Zeitung und liefen auf allen Kanälen. Wenn man nicht taubstumm in einem Luftschutzbunker wohnte, musste man ihre Interviews zumindest aus Versehen hören. Und so ging es mir auch. Ich konnte nicht umschalten weil ich meine Nägel frisch lackiert hatte und war gezwungen mir die Nachberichterstattung eines Sieges anzuhören. Dieses ständige Hochjubeln und Verteufeln der Mannschaft nach Triumph oder Niederlage ödet mich an. Dann gab Phillip Lahm auch noch ein Interview. Ich machte mich schon für total Selbstbeweihräucherung, leere Floskeln und grammatikalische Vollentgleisungen bereit. Dann das: Er kritisierte seine Mannschaft und seine eigene Leistung und sprach nur davon was man noch besser machen konnte. Und das nach einem respektablen Sieg. Zu meiner endgültigen Verwunderung war er unglaublich sympathisch und konnte in ganzen Sätzen reden. Meine Vorurteile gegen Fußball und dessen fanatische Fans kamen mir auf einmal unglaublich blöd und gemein vor. Und nachdem diese Mauer eingerissen war wurde ich neugierig. Also fing ich an die WM zumindest halbherzig, mit einem Auge, zu verfolgen. Diese Jungs waren so nett und bodenständig, dass sie mir schon bald ein bisschen ans Herz wuchsen. Man will es kaum glauben, aber eines Tages konnten mich meine Freunde sogar überzeugen ein Spiel auf der Fanmeile zu verfolgen. Das ist was für die ganz Harten. Und da mussten dann auch meine letzten Vorbehalte gehen eingefleischte Fans dran glauben. Ich stellte überrascht fest, dass nicht alle Fans dick und asozial sind. Es war als hätte ich eine neue Welt entdeckt. Und die meisten riechen auch nicht nach Bier und Bratfett. Aber manche schon.

Vor dem Spiel gegen Spanien war ich aufgeregt wie sonst nur beim Sommerschlussverkauf. Ich lud sogar meine Nachbarn zum kleinen Public Viewing in mein Haus ein. Wir grillten und fachsimpelten über die Aufstellung. Wir sind nämlich nicht nur 12. Mann sondern eigentlich auch der bessere Trainer, Stürmer und Torwart in Generalallianz. Dieses Phänomen ist Ihnen sicher auch bekannt. Große Sorgen bereitete uns vor Allem Tintenfisch Paul, denn dieser sagte unsere Niederlage frech, und ohne Skrupel gegen sein Heimatland, voraus. Und der blöde Fisch hat Ahnung. Aber von ein paar Calamari und Sushi hätten wir alle diesmal mehr gehabt als von seinem blöden Geschwätz.

Schon kurz nach dem Beginn des Spiels wusste sogar ein Fußballvolltrottel wie ich, dass das nicht gut für uns lief. Und als das entscheidende Tor für Spanien fiel, verließ mich jede Hoffnung. Der Abpfiff brachte traurige Gewissheit. Und dann saßen wir alle in meinem Wohnzimmer, keiner sprach ein Wort und irgendwie konnte ich nicht glauben, dass mir das so nahe ging. Was war nur los mit mir? Es fühlte sich irgendwie an als hätte jemand mit mir Schluss gemacht! Niemand den ich wirklich liebte aber einer, an den ich mich halt gewöhnt hatte. Da war jetzt ein Loch. Denn in den letzten Wochen war immer alles erfüllt von dieser besonderen Stimmung. Diesem Stolz auf die deutsche Mannschaft und dem republikweiten Fiebern für die gleiche Sache. Und wenn man es sich mal genau überlegt, wann wollen wir Deutschen denn schon mal alles das Gleiche? Egal wie alt, ob reich oder arm, CDU oder Grüne, Emo oder Hippie – jeder stand hinter Jogi und seinen Jungs. Bedingungslose, ehrliche Solidarität gibt es in Deutschland nicht sooft.

Fassungslos und noch immer bei Totenstille schauen meine Gäste und ich starr die Nachberichterstattung. Und da steht er plötzlich im Interview, Phillip Lahm. Und als er so mit zitternder Stimme und der größten Enttäuschung in den Augen versucht die Fragen des Reporters zu beantworten, bin auch ich den Tränen nahe. So hart ist es also, wenn man als Fan seine Mannschaft verlieren sieht. Die Anhänger des FC St. Pauli müssen ja regelrechte Wracks sein. Draußen vor meinem Haus höre ich mittlerweile die Autokorsos und sie Hupen und Singen fast als hätten wir gewonnen. Wie Recht sie haben. Unsere Mannschaft hat Respekt und Dank verdient, vor Allem dafür, dass sie uns ein oft verlorenes Gemeinschaftsgefühl zurückgebracht hat.Ich glaube ich kauf mir jetzt doch mal ein Trikot. Aber Bayernfan werde ich trotzdem nicht.