Schland, oh Schland...

Letze Woche saß ich auf meiner Couch und plötzlich hatte ich eine bomben Idee: Heute gehe ich das erste Mal zum Public Viewing! Dass das korrekt übersetzt „öffentliche Leichenschau“ bedeutet schreckt mich nicht ab. Denn ich will unter Leute und was erleben. Ich kenne das schließlich aus dem Fernsehen. Ich bin jung, gesund, Single und gnadenlos übermotiviert. Das wird spitze.
Ich verpflichte einen Freund mitzukommen und mache mich fröhlich an die Vorbereitungen.

In zwei Stunden beginnt das Spiel. Was zieht man da an? Ich habe nicht mal ein Trikot, denn Fußball interessiert mich nicht. Aber in einem 20qm-Kleiderzimmer findet sich fast immer was. Ich entscheide mich für ein schwarzes Kleid, roten Nagellack und goldene Ohrringe. Ist das nicht raffiniert? Das wir Eindruck machen. Ich schwinge mich um halbe 4 etwas aufgeregt in mein Auto und höre Radio, in der Hoffnung mal zu erfahren gegen wen wir überhaupt spielen.

Auf dem Weg zur Fanmeile gable ich meinen sehr lustlosen Kumpel auf und er sagt mir missmutig, dass wir viel zu spät dran wären und es nirgendwo mehr Parklätze geben würde. Männer. Ich lasse ihn nörgeln. Und schon 5 Minuten später sollte ich triumphieren: ich rangiere meinen riesen Jeep in eine sehr große Parklücke mitten auf der Leopoldstraße. Ha! Hier gibt es noch viele Parkplätze. Ich setze meine goldene Sonnenbrille auf und steige sehr cool aus meinem neuen Auto. Solche Auftritte mag ich sehr.
So, da war ich nun. Auf der legendären Fanmeile. Jetzt konnte der Spaß beginnen! Noch drei Minuten bis Anpfiff. Ich laufe zielstrebig in das erste Cafe und frage nach einem Platz. Die Kellnerin schaut mich ungläubig an und sagt mir, dass seit 13 Uhr alles voll wäre. Es gibt Menschen, die hier schon 3 Stunden vor Spielbeginn sitzen? Das muss ein Scherz sein. Ich laufe in 9 weitere Läden und überall bietet sich das gleiche Bild – nicht mal ein Stehplatz. Das Spiel läuft schon seit 10 Minuten. Immer wenn ich von einem Laden in den nächsten will muss ich am jeweiligen Flatscreen vorbei und alle schnauzen mich an weil ich ihnen für 2 Sekunden die Sicht nehme. Das sehen richtige Fans scheinbar eng. Wir geben auf, stellen uns hinter die Terrassenbestuhlung einer Bar und versuchen das Spiel zu verfolgen. Der Fernseher ist ungefähr 8 Meter Luftlinie entfernt und ich bin zu klein um über die Köpfe der vielen Gäste zu sehen.

Ich bekomme vom Spiel nur den Jubel der Leute mit. Aber ist ok, denn das Spiel ist mir eh egal. Scheinbar läuft es gut für unsere deutsche Elf und ich kann ihnen sowieso nicht helfen. Aber für mich läuft es nicht gut! Wo sind die Leute die sich gegenseitig in die Arme fallen und vor Freude weinen? Hier rempelt mich nur ständig irgendwer an und verschüttet Bier. Und mein Outfit kann hier auch nicht punkten. Anscheinend zu dezent. Ich kaufe einem Händler eine Deutschlandfahne ab, lege sie am Rand des Gehsteigs auf den Boden und setze mich trotzig darauf. Das macht mir hier alles keinen Spaß! Endlich ist das Spiel vorbei und alle freuen sich sehr. Wir haben gewonnen aber das ist mir egal. Meine Begleitung kommt aus dem Geschehen zurück. Scheinbar ist er über mein pennerhaftes Sitzgelage etwas verwundert aber ich stehe wortlos auf und nehme ihm sein Bier aus der Hand. Ohne Alkohol ist das hier nicht mehr tragbar für mich. Plötzlich füllt sich die ganze Straße mit grölenden Menschen. Ja, das sieht jetzt schon eher aus wie die Übertragungen aus dem TV. Aber wenn man mitten drin steht macht es irgendwie weniger Spaß. Ein Betrunkener versucht meine Fahne zu klauen und ich reiße sie ihm wütend aus der Hand. Kann es noch schlimmer werden?! Da jetzt alle ins Freie rennen ist die Bar sofort leer. Ich teile meinem Freund mit, dass er jetzt Fahrer ist und bestelle mir 2 Tequila am Tresen. Ich trinke sie auf ex. Das alles hier passt nicht in meine Erwartungshaltung! Ich bin enttäuscht und ich bestelle noch 2. Sie ahnen worauf das hinausläuft. Ich lerne spontan zwei kleine Japaner kennen, lade sie auf ein echt bayrisches Bier ein und erzähle ihnen wie gern die deutschen Fußball haben. Toll wenn so unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen. Dass ihre Familien schon in zweiter Generation in München leben und sie Max und Tanja heißen, erzählen sie mir erst etwas später. Ich will gerade auf meinen High Heels hinaus an die frische Luft spazieren, da nimmt mein pflichtbewusster Begleiter mich am Arm und teilt mir mit, dass die Party für mich vorbei sei, denn wir hätten ein Problem.

Er sieht mich ernst an und fragt mich wo mein Auto wäre. “Na hier gleich irgendwo auf der Straße„ antworte ich beflügelt durch 2 Kurze zu viel. Und da wird es mir klar – hatte ich mein neues Auto auf der Straße abgestellt auf der jetzt alle völlig durchdrehen? Ja. Ich bekomme Panik. Ich kämpfe mich todesmutig durch die Menge und unterdrücke meinen großen Ekel vor schwitzenden Menschen. Und da steht er, mein 2 Wochen alter Jeep, umringt von betrunkenen Raudies. Man hatte mir sogar den Endstand mit etwas Undefinierbarem auf die Heckscheibe geschmiert. Ich stehe ein paar Sekunden regungslos vor meinem Baby und mir wird klar warum so viele Parkplätze frei waren. Dann erblicke ich einen Polizisten. Davon gibt’s hier viele. Ich laufe erleichtert auf ihn zu und bitte ihn diese unerhörten Ausschreitungen sofort zu beenden. Aber er lacht nur, zeigt auf mein Auto und sagt: “ich hab mich schon die ganze Zeit gefragt, wer hier parken würde“. Mir wird schlecht vor Wut. Er geht einfach weiter.

Für einen kurzen Moment möchte ich Anfangen zu weinen und wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufstampfen. Aber Fakt ist, ich komme hier nicht weg bevor die Straßensperren wieder aufgehoben werden. Also in voraussichtlich 2 Stunden. Und dann reißt mich ein Mädchen aus meinen Gedanken. Sie malt mir ohne Vorwarnung was mir schwarzer Fanschminke ins Gesicht, strahlt mich dabei an als wäre ich der Allmächtige und singt „Schland, oh Schland“. Was soll das jetzt? Sie ist unfassbar gut drauf und irgendwie sympathisch. Ich presse ein irritiertes „Hallo“ heraus und sie meint nur „schade dass es hier keine Musik gibt, da muss ich halt selber singen“. Sie fängt an zu tanzen und will, dass ich meine Fahne schwinge. Ich öffne mit einem kurzen Druck auf die Fernbedienung mein Auto, lasse die Scheiben hinunter und drehe die Musikanlage voll auf. Sie fällt mir um den Hals und brüllt mir ins Ohr wie cool ich doch drauf wäre. Alle um uns herum sind begeistert von der musikalischen Untermalung ihres Freudentaumels. Man schenkt mir ein Bier und das verrückte Mädchen erzählt mir alles, was ich vom Spiel nicht mitbekommen hatte. Und irgendwie steckt mich das alles an. Ich halte plötzlich immer wieder meine Fahne aus dem stehenden Auto und wildfremde Menschen haben mich deswegen gern. Ich lasse mir erklären wer Thomas Müller ist und fotografiere die schönsten Fanoutfits. Tausende freuen sich hier miteinander über die gleiche Sache. Und als ich da so sitze und all diese unterschiedlichen Leute friedlich miteinander singen sehe, frage ich mich, wann gibt es das heutzutage schon noch?