"Und die Prinzessin verlor ihr Krönchen an ihrem Geburtstag! "

Gestern hatte ich Geburtstag. Ich wurde 25- nochmal.

Ich habe schon vorher Freunde und Verwandte informiert, dass ich lieber nochmal 25 werde und das werde ich jetzt wohl auch erstmal so beibehalten. 26 hört sich nämlich an wie „fast 30“ und das passt einfach noch nicht zu mir. Vor allem nicht, weil meine Mutter dieses Jahr zum 7. mal 39 wurde.

Wenn man das weiterspinnt, ist die logische Konsequenz natürlich, dass mein Sohn Louis irgendwann entweder
a) bis zu seinem 10. Lebensjahr im Kindergarten bleibt und ich behaupte er wäre erst 3 und sehr weit für sein Alter oder
b) ich eine Teenagerschwangerschaft hatte. Das entscheide ich dann später spontan.

Es stellte sich heraus, dass Geburtstage ein , wie man in Amerika sagt, „Tough Cookie“, sein können. Wer hätte das gedacht? Ich feiere meinen Geburtstag immer gern wie eine fünfjährige Prinzessin. Und Freunde und Familie verhalten sich dementsprechend. Sie überreichen mir Geschenke während ich meinen Schlafanzug anhabe und so weiter. Das Motto ist also „Pink-Flauschig-Schön“ und keiner darf meinen Flow an diesem Tag stören.
Aber dieses Jahr verlor ich am Prinzessinen-Tag mein Krönchen.

Ich schreibe diese Zeilen gerade am Morgen nach "Tag X" und bin mir noch nicht so sicher was passiert ist. Kein Wunder, ich fiel ein paar Stunden zuvor sehr hart auf meinen Kopf.

Aber von Anfang an...

Dieses Jahr hatte ich in zwei Zeitzonen Geburtstag. Das hört sich zumindest nach "Jetset-White-People-Problem" und liegt mir von daher sehr. Einen halben Tag also, bevor ich in Los Angeles nochmal 25 wurde, trudelten schon die ersten Mails, Anrufe und SMS ein.
Ich ging schlafen und als ich aufwachte waren es - ohne Witz- 471 Facebooknachrichten, 14 e-Mails, 92 SMS und 37 verpasste Anrufe. Ich weiß nicht mal ob es die Jahre zuvor wesentlich weniger waren aber aus irgendeinem Grund nahm ich es zum ersten Mal wahr. Ich saß am Schreibtisch und war sehr gerührt. Und dankbar. Und ich vermisste München und meine Mama.

Louis und ich frühstückten zur Feier des Tages Geburtstagskuchen und bis 12 war der Tag für Mami-Zeug reserviert. Lou und ich . Wie immer. Nur wir zwei. Sonst Niemand. Keine Familie.

Ich brachte ihn später zu seiner Spielgruppe, fuhr nach Beverly Hills in eines meiner Lieblingsrestaurants um meine Freundin Natascha Berg zu treffen. Wie immer bei unseren Treffen, redeten wir beide wie ein Wasserfall. Teilweise zeitgleich. Das ist unser Ding. Und irgendwo da muss etwas schief gegangen sein.
In all den anderen Schmarrn, den wir gern so reden, mischte ich ganz beiläufig „ Ach und meine Tante hat mir auf Facebook zum Geburtstag gratuliert. Und sie sagt mein Vater hätte nach meiner Telefonnummer gefragt“. Natascha hält Inne und schaut mich nur an. Das passiert nicht so oft.
„Ja und jetzt?“ fragt sie. Ich zucke mit dem Schultern und sage „Nix und jetzt. Ich habe mein Leben bis jetzt ohne ihn bestens gemeistert und habe dazu nicht mal eine Meinung“.
Und ganz ehrlich - das dachte ich auch. Ich dachte dieses Vater-Thema wäre für mich durch. Ich habe die Mail meiner Tante an diesem Morgen gelesen und es bewegte sich rein gar nichts in mir. Nada.

Natascha ist aber Jemand der nicht einfach brav weiter ihren Salat isst - nein- sie muss dann direkt ihre Meinung loswerden und die ist meist tiefsinnig und spirituell. Aber selten so knallhart wie diesmal :“Also Sara du hast ein großes Problem mit Männern. Du bist unfähig ihnen zu vertrauen, suchst dir prinzipiell die Pflegefälle aus und seit deiner letzten Trennung lässt du überhaupt keinen mehr an dich ran. Wenn Irgendwer auf der Welt eine Aussprache mit seinem Vater braucht dann du.“ Punkt. Das sagte sie einfach mal so und aß dann wortlos ihren Salat weiter.
Ich schenkte mir wie paralysiert Tee ein. Und noch während ich das tat wurde mir schlecht. Sehr schlecht. Ich hörte ein schrilles Piepsen in meinen Ohren und mir wurde heiß. Ich bewegte mich nicht und ließ mir nichts anmerken. Aber was auch immer da passierte war nicht gut. Der Raum kam mir auf einmal immer lauter vor und ich wollte nur Stille. Also knallte ich ein Paar Dollarscheine auf den Tisch, stammelte kurz „Ich ruf sich später an. Ich muss heim“ und ging sehr schnell zu meinem Auto. Ohne Musik -einen Zustand den mein Auto bis dahin nicht kannte- fuhr ich in meine Wohnung und da saß ich dann erstmal still auf einem Stuhl. Da war mein Krönchen schon ordentlich verrutscht.

Aber was für eine Art Geburtstag-Prinzessin wäre ich denn, wenn ich das hinnehmen würde. Ich hatte ein großartiges Abendessen in ebenso großartiger Begleitung für den Abend geplant und hatte schon ein Kleid ausgesucht. Und genau wie ich das geplant hatte wird das stattfinden. Punkt. Ist schließlich mein Tag !
Ich beschloss TV zu schauen um mich abzulenken um mein Gehirn mit wichtigeren Dingen abzulenken. Bei der aktuellen Talkshow suchte eine sehr aufgebrachte junge Dame mit 6 DNA-Tests nach dem möglichen Vater ihres Kindes. Und 3 der 6 möglichen Kandidaten sind miteinander Verwand . Das sind mal Probleme!
Und tatsächlich ließ nach einer Stunde auf der Couch das Piepsen im Ohr nach und auch die Hitze war verflogen.

Es ging auf den frühen Abend zu und wie in Watte gepackte holte ich Louis von seiner Nachmittagsspielgruppe heim und machte ihm Essen. Seine Babysitterin Emma , die mittlerweile auch eine meiner engsten Freundinnen ist, kam vorbei und ich ging ins Badezimmer um mich zu schminken um wie ein fröhliches Geburtstagskind auszusehen.
Ich fühlte mich noch immer komisch aber ich würde zu diesem Essen gehen und toll aussehen und wenn es nur ist um das beschissene Foto dann auf Facebook zu posten! Um zu zeigen dass ich einen tollen Geburtstag haben kann und ein tolles Leben auch ohne Papa, ohne Papa für Louis und ohne überhaupt Irgendwen alleine in einem noch immer ziemlich fremden Land.

So stand ich also vor dem Spiegel und fange an meine Spachtelmasse aufzutragen und plötzlich konnte nicht mehr atmen . Also atmete ich immer schneller und dachte gleichzeitig ich ersticke. Mir wurde schwindelig, ich viel auf den Boden und knallte voll auf meinen Kopf. Das muss der Moment gewesen sein, in dem ich das Krönchen verlor.
Und ich dachte ich sterbe. Und das mit zarten zweiten 25.

Mein Herz schlug so schnell dass ich dachte das wars jetzt also. In meinem Wikipedia-Eintrag würde stehen: „ Starb an ihrem 26. Geburtstag (die recherchieren leider sehr genau) in ihrem Badezimmer in Westhollywood (wenigstens das) mit nur einem geschminkten Auge.“

Wie das eben so ist wenn man am Boden liegt und hyperventiliert kommt das beim Gegenüber selten gut an. Emma hört also mein Gewimmer und Geschnaufe und stürmt ins Bad und legt meine Füße hoch auf die Badewanne und holt kaltes Wasser dass ich trinken soll.

Da ich gerade diesen Text schreibe bin ich also offensichtlich nicht gestorben. Diese Logik macht es gerade etwas schwierig die Spannung der Situation oben zu halten .
Also : nicht tot.

Selbst mir war jetzt klar, dass gerade kein guter Zeitpunkt zum Essengehen war. Multible Faktoren wie ein halbfertiges Make up und die Unfähigkeit vom Badezimmerboden aufzustehen, ließen mich also mein Dinnerdate mit den kurzen Worten „Bin raus. Sorry“ absagen.
Gut, dass ich so eloquent und höflich bin wenns drauf ankommt. Aber mehr hätte ich den Moment nicht zusammengebracht.

Da lag ich nun und schaute meine Füße und meine Badezimmerdecke an. Und direkt neben mir saß Emma und schaute mich an. Neben ihr wiederum stand Louis und schlug fröhlich mit einer Flasche Chanel Nr.5 gegen die Glasdusche.
Wenn das jetzt bei jedem meiner 25. Geburtstage so wird, muss ich anfangen zu trinken.

Als ich mich langsam beruhigt hatte, fragte Emma irgendwann ganz ruhig: „Woher kam das jetzt?“ Und ich fing an mit „Ich habe keine Ahnung...“ aber ich redete immer weiter und weiter und fing an zu weinen. Und ich meine nicht die niedliche „ein kleines Tränchen wandert über ihr Gesicht“-Weinen. Nein- ich rede von dem ganz peinlichen „Rotzblasen aus der Nase und nach Luft schnappen“-Weinen. Und dann holte ich Alles aus dem Keller. Angefangen mit Geschichten als ich 6 Jahre alt war und meinen Papa mal getroffen habe, über ein Wiedersehen mit 20 Jahren - bis heute. Emma trug es mit Fassung und nickte und ich war froh, dass sie das tat. Es bedeutete mir viel obwohl ich wusste, dass sie dank meines Akzentes, der Tatsache, dass ich gerne mal in Panik Deutsch und Englisch mische und der unregelmäßigen Heul-Atmung fast nichts verstanden hatte.

Ich weiß nicht wie lange das so ging aber irgendwann erkannte ich was dem geneigten Leser wohl schon vor ein paar Absätzen klar wurde : Ich bin nicht wirklich durch mit dem Vater-Thema. Da waren plötzlich all die vielen Momente in meinem Leben in denen ich ihn so dringend gebraucht hätte um mir zu sagen was richtig und was falsch ist. Und um mich zu beschützen.

Und ich musste zweimal 25 werden und am Boden meines Badezimmers auf meine lächerlich schlecht lackierte Zehennägel starren um das zuzugeben.
Alles sehr melodramatisch.

Irgendwann standen wir auf und Louis und ich zogen unseren Schlafanzug an, ich brachte ihn ins Bett und ging schlafen. Emma muss leise gegangen sein als sie sicher war dass ich schlafe nicht wieder ins Bad gehe und meinen Daddy-Issues über dem Boden verteile. Wie glücklich kann ich sein solche Menschen in meinem Leben zu haben.

Und nun wachte ich um 4 Uhr morgens auf und nahm mein Macbook und schrieb diesen Text.

Was gibt es nun zu sagen am Tag nach „Tag X“?
Nicht viel. Da war kein Happyend in der ganzen Papa-Sache. Er stand nicht plötzlich vor der Tür und ich werden nie mehr klein und „Daddy´s girl“ sein können. Es ist passiert was passiert ist und es ist eigentlich egal warum oder wer Schuld hatte. Es ist wie es ist. Es ist ein Fakt und wir können nicht zurückspulen.
Das ist nur eine der lästigen Tatsachen, die mein Leben in Hollywood von den Filmen, die sie hier drehen unterscheidet.
Ich weiß auch noch nicht, ob ich ihm meine Nummer schicke oder nicht. Aber mir fiel etwas sehr Wichtiges ein, dass ich mal gelesen aber bis gestern nie ganz verstanden haben : „Jedes Gefühl will und darf gefühlt werden. Erst dann können wir es loslassen“

Also ist das Beste was mir als Geburtstagsgeschenk für mich selbst gerade einfällt ein Tag im Bett ohne Telefon oder TV. Zum Nachdenken. Und mutig herum-fühlen. Ohne Krone.

So hart das auch ist ,wir können unseren Gefühlen keine Ketten anlegen. Wir können uns selbst nicht vorschreiben was wir fühlen dürfen. Das ist missverstanden Stärke. Und noch weniger darf es die Gesellschaft um uns herum . Das ist missverstandene Erziehung.

Egal wie lange Du ein Gefühl unterdrückst. Irgendwann kommt es raus, schlägt dir das Krönchen vom Kopf und versaut dein Make up.