Wie der Tiger mich zähmte... Ich und Er

Wie der Tiger mich zähmte . Er und ich.


Vor wenigen Tagen lief im TV ein Beitrag über meine Wohnungssuche und auch über den Grund dafür: Die Trennung vom Vater meines Kindes kurz nach der Geburt unseres Sohnes Tiger. Eigentlich heißt es Louis Tiger aber er ist eben eher nur Tiger.

Ja, das ist so ziemlich das Schlimmste was einem als frisch gebackene Mama passieren kann. Aber über die Flut (ja, so darf man die 241 Mails in den ersten 6 Stunden nach Ausstrahlung der Sendung wohl schon bezeichnen) an Zuschriften habe ich mich dann durchaus gewundert. Es schien, als würden sehr viele Menschen Anteil an meinem „Schicksal“ als Alleinerziehende nehmen. Entweder, weil sie dieses selbst kennen, oder weil sie einfach versuchen sich vorzustellen, wie verlassen und einsam ich mich gefühlt haben muss. Das ist alles richtig, all diese Leute haben Recht, diese Stunden gibt es manchmal . Aber es ist nur eine kleine Seite dieses großen Abenteuers Namens „Baby“. Und wer meiner Texte verfolgt weiß ja bereits, dass ich meist einen sehr eigenen Blich auf die Dinge habe. Ich habe also das Gefühl, all den lieben Lesern meiner Kolumne, meinen „Followern“ bei Facebook und natürlich vor Allem den vielen guten Seelchen, die mir geschrieben haben, mal einen Einblick in meine Gefühlswelt als Single-Mum geben zu müssen, denn da gibt es so viel mehr ...

Mir passiert immer das Gleiche. Wenn ich mal wieder für ein paar Stunden nachts in mein altes Leben flüchte um abzuschalten, dann stehe ich in den selben Clubs und Bars wie schon vor Jahren und treffe die selben Menschen dort. Als wäre die Zeit dort ein bisschen stehengeblieben.
Ich war bis vor einem Jahr ein wildes, ruheloses Herz, das nachts nie schlafen konnte und dann den Lärm und die Scheinwelt der Discotheken dem stundenlangen Anstarren der Decke vorzog. Ich war ein fester Bestandteil der Partyszene. Mehr als ein Mann meinte mir meinen Dickkopf, meine aufbrausende Art oder meine unberechenbaren Launen abgewöhnen zu können. Erfolge konnte keiner verzeichnen.
Keiner, ausser mein Sohn.

Wenn ich nun, als Weiterentwicklung meiner Selbst in gleicher Gestalt, ab und zu wieder dort auftauche, dann wissen diese Leute immer nicht was sie zuerst tun sollen : Mir zu meinem Kind gratulieren oder mir zum Verlust meiner kleiner Familie, meiner Freiheit und meiner Jugend ihr herzlichstes Beileid aussprechen. Fast schon als wäre Jemand gestorben. Am Schluss ist es immer etwas wie: „ Ja was machst du denn hier (als Mutter ist man in den Augen der Szenegänger plötzlich ein Totgeglaubter, der nun doch wieder die heiligen Hallen betritt) ?! Herzlichen Glückwunsch zu Kind, Darling! Das Mama-Dasein sieht man dir kein Bisschen an (Begleitet von verblüffendem Blick auf meinen Körper, denn in der Vorstellung meiner meist kinderlosen Bekanntschaften, ist wohl jede Mama per se eine dicke Planschkuh)!“ Dann folgt meist eine kurze Pause mit schwerem, theatralischen Schnaufen und - wenn die Hand nicht von einem Drink blockiert ist- streicht man mir gern mitfühlend über den Arm und sagt in einer Tonlage, wie beim letzten Satz einer Grabrede, Irgendwas wie : „ Ja aber das mit dem Vater tut mir ja leid. Das muss ja so hart sein. Dein ganzes Leben ist ja jetzt erst mal gelaufen bis der Kleine zumindest in den Kindergarten kann. Und TV kannst wohl auch erst mal vergessen. Also ich würde ja sterben. Ich könnte das nicht“.

Wenn ich Denjenigen mag, erkläre ich ihm gern kurz, dass es mir wirklich gut geht und ich sehr glücklich bin.
Wenn es sich aber nur um eine der scheinheiligen Münchener Klatschbasen handelt, der eh sofort per Flüsterpost, SMS, Twitter und Buschtrommel Alles weitererzählt, dann lasse ich mich gern mal kurz mitreißen und tue Folgendes :
Ich lege meine Hand auf die Brust, tue so als könnte ich schwer atmen und müsste ein paar Tränen unterdrücken und sage dann mit wimmernder Stimme: „Ich weiß dir kann ich vertrauen deswegen sag ich es ganz offen: Ja, mein Leben ist vorbei. Ich bin nur noch eine leere Hülle. Und ich beneide euch Alle, wie ihr hier noch immer am gleichen Fleck, wie vor 5 Jahren schon steht und euch betrinkt und so viel Spaß habt“ Dann schaue ich todernst mit Trauermiene in das Gesicht des stylischen Bundesnachrichtendienstes, schluchtse oder schniefe (ja nachdem was der Moment hergibt. „Mathod Acting“ quasi) und sage, ich müsste jetzt wirklich kurz an die frische Luft. Theatralischer Abgang durch die Menge. Und voilá : Die viele Jahre Schauspielunterricht waren nicht verschenkt.
Und meine Freund und ich haben was zu lachen. Ja, soviel Oberflächerlichkeit muss man ein bisschen bestrafen,oder ?

Ich brauche kein Mittleid. Früher hätte ich es gebraucht, da als ich auch noch jedes Wochenende in irgendeinem Club stand weil doch zuhause nichts und Niemand auf mich wartete. Tief unter dem arroganten Blick, den ich wie ein scharfes Schwert mit meiner noch schärferen Zunge und einer kalten Aura vor mir hertrug. Verängstigte Hunde bellen von Anfang an weil sie nicht beißen könnten.

Immer wenn alle meinten ich müsste stolz sein war ich es nie. Auf nichts was ich geschafft , verdient oder verändert hatte. Sobald ich ein gesetztes Ziel erreicht hatte, war es schon uninteressant. Ich sank nie erschöpft auf einen Stuhl zurück, atmete glücklich durch und dachte „Gut gemacht Sara!“. Ich sank zusammen und dachte so viel dass ich es nicht mehr hören konnte. Da war nur Lärm und Geschwindigkeit in meinem Kopf. Und am Ende ein leises „nicht genug“.
Ja, da hätte ich Mitleid gebraucht. Aber von den Menschen um mich herum bekam ich Ansehen und Bewunderung. Für was?

Heute brauche ich weder das Ansehen noch die falschen Freunde zum Glücklich sein , aber das Mittleid verbiete ich mir sogar.
Ich fühle mich das erste Mal in meinem Leben gebraucht . Denn mein Sohn braucht mich. Niemand auf der Welt könnte für ihn meinen Platz einnehmen. Ich bin für einen Menschen unersetzlich und so wertig, dass ich mich selbst auch langsam wertig fühle. Ein bisschen.

Egal was die Wage anzeigte oder was andere sagten, über ein gerade so zufriedenes Nicken hat es mein eigenes Aussehen für mich selbst nie gebracht. Die Schönheit, die manche wohl zu erkennen glaubten, spürte ich nie. Aber seitdem mein Sohn mich ansieht als wäre ich der schönste Mensch, den er je gesehen hat, seitdem beginne ich mich zu mögen. Außerhalb jeder Perfektion und jedes Maßstabes lerne ich innerlich sicheres Laufen mit festem Tritt. Auf dem langen Weg zur Selbstakzeptanz.

Ich saß kurz nach Tigers Geburt neben einer Freundin und erzählte ihr wie wunderschön ich seine grün-blauen Augen doch fände. Ich redete so vor mich hin und sagte schließlich lächelnd, es sein eine so schöne Farbe, dass ich ihn darum glatt beneiden würde. Entgeistert blickte sie mich an und sagte „Dir ist aber schon klar, dass das deine Augenfarbe ist oder?“ So hatte ich es noch nie gesehen. Ich wusste es zwar irgendwie aber trotzdem stand ich an diesem Abend das erste mal vor dem Spiegel und dachte mir, „Ja ich habe eigentlich eine ziemlich hübsche Augenfarbe...“

Wenn ich meinen Sohn nachts herumtrage weil er nicht schlafen kann, fällt mir das trotz seines stattlichen Gewichts von guten 9 Kilo nicht schwer. Ich kann das stundenlang ohne mürrisch zu werden. Weil ich an mir, an ihm und an meiner neuen Aufgaben fast unbemerkt gewachsen bin. So wie die Muskeln an meinem Körper mit seinem zunehmendem Gewicht.
Ich fühle mich so unendlich stark weil ich das Wichtigeste in meinem Leben auf meinem Arm tragen kann. Und das ist genug. Und weil es gut genug ist , macht es mich zum stärksten Menschen in unserer kleinen Welt.

Ja, alleinerziehend zu sein ist schwer. Und manchmal, wenn er schläft, weine ich wie verrückt. Weil ich es so nie wollte, ich wollte eine kleine, heile Familie. Und auch weil Jeder, der sich täglich um ein Baby kümmert, auch ab und zu jemand braucht, der sich um ihn kümmert. Es fühlt sich an schlimmen Tagen so an, als hätte ich all meine Kraft für ihn, den Haushalt, den Job und ein paar kleine und große Katastrophen verbraucht- so, dass für mich selbst nichts mehr übrig wäre. Ja, ich bin ab und zu sehr leer und einsam. Aber nur für einen Moment, denn dann wird mir wieder klar, dass ich nie mehr alleine sein werde. Mein Sohn und ich sind Eins.

Nie im Leben war ich innerlich stärker, schöner und besser. Zumindest in meinen Augen.
Ich war noch nie auf Irgendetwas, das ich getan habe wirklich stolz. Konnte mich nie selbst dafür loben.
Aber für die Tatsache einen kleinen Menschen mehr zu lieben als die Welt es je wissen kann und ihn so gut zu versorgen, dass jeder Tag ein schöner ist, kann ich nun stolz sein. Endlich. Das erste Mal in meinem Leben bin ich stolz auf mich.

Es fällt leicht bei den vielen Abzweigungen auf dem Weg, den wir alle gehen, falsch abzubiegen. Diesmal bin ich nicht falsch abgebogen, auch wenn es gerade jetzt für Viele von Außen so wirken mag.
Ich habe jetzt einen Gefährten auf meinem Weg.


Nie brauchte ich Mitleid weniger.
Nie war ich eine bessere Version von mir, als jetzt, da mein Sohn mich gezähmt hat.