Was tun, wenns brennt ? Reingehen...

Was tun, wenns brennt ? Reingehen.

Manchmal gibt es Situationen im Leben, die passieren dir. Egal wie sehr du es zu verhindern versuchst. Das Leben passiert manchmal einfach. Auch im negativen Sinne. Und dann erwarten Alle, dass wir stark sind und weitermachen. Dass wir keine Schwäche zeigen und würdevoll und stolz handeln. Alles Andere gilt als Versagen. Und man selbst als schwach und weich.
Ab und zu geht das aber eben nicht . Ab und zu brennt es.

Mir passierte das vor fast 5 Monaten. Als der Mann den ich so sehr liebte, der Vater meines Sohnes, weg war.

Ich gehe jetzt bewusst nicht groß auf die Gründe ein, denn da gibt es ja immer zwei Versionen und jede hat wohl ihre Berechtigung. Belassen wir es bei der Tatsache, dass es so war. Wie es dazu kam, ist zweitrangig. Hier geht es darum, was man tut, wenns brennt. Wenn es eben passiert ist. Und es brannte. Lichterloh und so schlimm wie nie zuvor.

Ich werde nie in meinem Leben den ersten Morgen vergessen, an dem ich aufwachte und alleine mit meinem Sohn in unserer Wohnung war. Wir waren gerade mal ein paar Tage aus dem Krankenhaus zurück. Ich setzte mich an den Küchentisch und starrte sehr lange aus dem Fenster. Es müssen ungefähr 3 Stunden gewesen sein, denn mein Sohn schlief genau diese Zeit zwischen zwei Fläschchen .
Der vertraute Blick aus unserer Wohnung. Von dem Platz aus, an dem er immer saß. Sein Platz am Esstisch. Ich wartete die ganze Zeit darauf, dass ich panisch anfangen würde zu weinen aber es tat sich nichts. Ich konnte nicht weinen und nicht reden. Und auch mein Kopf, der sonst immer alles so schnell analysieren und lösen wollte, schien nicht zu funktionieren. Er hing wie eine kaputte Festplatte und kam nicht über die simple Frage hinaus, ob das nun wirklich letzte Nacht passiert war. Ob er wirklich weg war. Ich war verwirrt von diesem dumpfen Empfinden und dieser fast körperlichen Lähmung. Ich wusste nicht, was jetzt zu tun sei und war in keinster Weiser darauf vorbereitet gewesen, dass ich mit meinem Kind alleine dasitzen könnte- auch wenn mich Viele darauf aufmerksam gemacht hatten. Ich hatte unserer Beziehung stets, trotz all ihrer komplexen Schwierigkeit, verteidigt. Was bleibt einem auch übrig, wenn man den Anderen eben so sehr liebt, dass allein der Gedanke, er wäre nicht mehr da, jede Vernunft zum Teufel jagt? Man argumentiert dagegen. Wie ein Mörder, der das bereits gegebene Geständnis zu widerrufen versucht. Schwierig.

Die folgenden Tage liefen einfach weiter. Es schien, als hätte ich jedes Zeitgefühl verloren. Der Tag bestand aus dem Füttern meines kleinen „Affis“, den Spaziergängen und, wenn ich nicht grade gleichzeitig mit ihm Schlaf nachholte, saß ich wieder schweigend am Küchentisch. Ich wurde diesen Schock-Zustand tagelang nicht los, dabei wollte ich so gern klar denken können. Eine Lösung finden. Irgendwie erkennen, was richtig oder falsch ist und Alles wieder gutmachen. In meinem Kopf spulte sich jedoch eine ermüdende Endlosschleife: “Das darf so nicht passieren. Es sollte doch jetzt die schönste Zeit unseres Lebens sein. Wie lieben uns doch. Wir haben jetzt ein Kind!“. Aber keine Erkenntnis. Keine Lösung. Nicht mal eine Meinung! Nur unglaubliche Angst und das übermächtige Gefühl des Verlassenseins. Vielleicht hatte ich es nicht besser verdient. Vielleicht haben ich nicht schnell genug erkannt, war nicht alt genug, nicht schön genug, nicht abgestumpft genug...Ich weiß es nicht.

Als die Zeit verging, löste sich die, mir so verhasste, Lähmung und ich wünschte sie mir sofort zurück. Als die emotionale Schockstarre nämlich verschwand, sah ich es quasi schwarz auf weiß, ganz groß über meinem Leben geschrieben: Meine kleine Familie war kaputt. Kaputt bevor wir auch nur ein einziges Mal stolz mit unserem Sohn über den Victualienmarkt hätten laufen können. Alles wovon wir geträumt hatten war zerstört. Und wenn ich meinen kleinen Sohn ansah konnte ich die Schuldgefühle kaum aushalten. Er war noch so winzig, gerade erst auf der Welt angekommen, und die heile Familie die ich unbedingt für ihn wollte, war schon Geschichte. Wusste er das? Konnte er das spüren? Ich glaube schon.

Die nächsten 6 Wochen waren fürchterlich.Der Rhythmus meines Sohnes und die Tatsache, dass ich uns fest versprochen hatte zweimal täglich spazieren zu gehen, gliederten meinen Tag. Meinen Platz hatte ich nun gewechselt. Ich konnte nicht mehr an „seinem“ Platz am Küchentisch sitzen. Ich saß von nun an auf dem Boden vor der großen Fensterfront unserer Wohnung, die mittlerweile ja nur noch die von Louis und mir war. Da saß ich nun also und weinte. Wochenlang. Tatsächlich wochenlang. Das mag wie ein erbärmliches Bild ausgesehen haben.
Und nein, da war kein Licht am Ende des Tunnels. Es war keines zu sehen, denn was hier lief, war so offensichtlich falsch und fatal, dass ich nicht aufhören konnte dagegen zu rebellieren. Innerlich und auch überhaupt lief ich aber gegen Wände. Eine Kette, die er mir mal geschenkt hatte, trug ich Tag und Nacht. Den Anhänger daran, eine Feder, umklammerte ich stundenlang und wünschte mir, wie ein kleines verzweifeltes Kind, es geschähe ein Wunder und er stände vor der Tür. Das passierte nie. Keinen Tag. Bis heute.
Aber ich klammerte mich an die Feder. Wie an das, was wir mal waren.

Und wie es so mit der Verzweiflung ist, trübt sie unsere Sicht. Draußen strahlte der Sommer, in unserer Wohnung war es der tiefste, dunkle Winter, den man sich nur vorstellen konnte. Alles überzogen von einem Gefühl enormer Ohnmacht . Unfähig,sich mit der Tatsache abzufinden. Nie im Leben hätte ich eine starke Hand in meiner mehr gebraucht als nach der Geburt meines Kindes. Bisher war ich immer gut alleine klargekommen, eher der Typ Einzelkämpfer, der keinem wirklich vertraut und am Ende des Tages nur auf sich selbst baut. Aber als ich schwanger wurde, wollte ich nicht mehr so sein. Schließlich waren wir doch jetzt eine Familie . Wahrscheinlich war es naiv von mir so zu denken und wirklich zu glauben, es würde schon Alles gut werden. Bei nachträglicher Betrachtung dachte das wohl keiner außer mir. Aber ich liebte den Vater meines Kindes wirklich über Alles und so kam der Gedanke, dass wir es nicht schaffen würden für mich nie ernsthaft in Frage. Das Herz ist ein nützliches und tückisches Genie, es lässt und oft nur sehen, was wir sehen wollen.
Wir waren doch WIR. Nicht irgendwer für irgendwen. Wir waren doch diese besondere Sache im Leben. Das lies ich nicht los. So wie die Feder an der Kette. Sie schien das Brennen etwas erträglicher zu machen.

Die Wochen vergingen und noch immer verbrachte ich jeden Abend mit der Hoffnung, dass morgen der Tag sei, an dem Alles wieder in Ordnung kommen würde. Irgendwie.

Aber es kam nicht wieder ok. Es wurde nur noch schlimmer. Die Fronten noch härter, der Ton immer rauer. Und irgendwann, als ich nachts wieder wach lag und an die Decke starrte, sprang ich plötzlich auf und rannte in unser Wohnzimmer. Ich starrte die wenigen Möbel an, die mein Exfreund damals beim Einzug mitgebracht hatte. Ohne groß irgendwas zu denken, fing ich an alle Bilder, jede Erinnerung und schließlich selbst seine Möbel in das Gästezimmer zu räumen. Ich kann mir nicht erklären woher die Kraft dafür kam denn ich schob massive Sideboards, Schränke und Tische durch die gesamte Wohnung. Dann warf ich eine Decke über Alles. Anschließend verrückte ich meine restlichen Möbel. Am wichtigsten- den Esstisch.
Ich dekorierte um, stellte um und änderte Alles, das sich ändern lies. Es durfte sich nicht mehr so sehr nach „UNS“ anfühlen. Nach ein paar Stunden des Wütens durch die Wohnung sah Alles anders aus als zuvor. Ich schob das kleinen Bettchen meines Sohnes ganz nah an meines und schlief total erschöpft ein.
Als ich wieder aufwachte war völlig klar: Ich muss raus aus unserer Wohnung. Neu anfangen. Er wohnte nun woanders und lies Alles zurück. Aber ich saß jeden Tag in unserer gemeinsamen Wohnung, in der ich keinen Platz ansehen konnte ohne an unsere gemeinsame Zeit dort zu denken. Alles Tolle und auch alles Schlechte. Mein Gott ich vermisste ihn so sehr, dass es schon weh tat. Es brannte. Es verletzte und vernarbte. Jeder Zentimeter dieser Wohnung erinnerte mich an die besondere Art, wie wir einander umarmten. Niemand ausser uns wird diese Art je kennen können.



Von einem enormen Fluchtreflex ergriffen, suchte ich sofort nach einer neuen Wohnung. Zuerst sogar in einer anderen Stadt. Schließlich wurde es dann doch Eine mitten in Schwabing. An einem der belebtesten Plätze Münchens. Das ist eigentlich überhaupt nicht mein Stil. Hier wollte ich nie hin. Das waren mir zu viele Menschen.
Aber weil ich mich innerlich fühlte, als würde mein eigenes Leben nicht mehr weitergehen sondern nur auf einem grauenhaften Standbild hängenbleiben, wollte ich mitten im Leben der Anderen wohnen. Das war nun das erste Mal, dass ich ganz bewusst gegen mein eigenes Muster handelte!
Es drängt mich eigentlich aus Gewohnheit bei Schmerz in die Isolation. Das war schon immer so gewesen . Das würde ich nun bewusst nicht tun.
Denn wohin hatten mich meine festen und eingefahrenen Verhaltensmuster denn gebracht? An den verzweifeltsten Punkt meines Lebens. Also auch wenn da noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen war, weitergehen musste ich ja doch um das zu ändern.
Also zog ich um. Sofort.

Das Verlassen unserer Wohnung besiegelte natürlich nochmals, was ich doch eh schon wusste. Er war weg und ich über nacht alleinerziehend. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Wie zu erwarten, ging es mir also wieder ein paar Tage richtig schlecht. Heulend richtete ich die neue Wohnung ein und stellte das, was von meinem Leben übrig war irgendwo unmotiviert auf.
Nur Louis Kinderzimmer gestaltete ich voller Elan. Ein Traum in Hellblau.
Bald stand Alles an seinem Platz aber wie ein Zuhause fühlte sich, außer das Kinderzimmer, nichts an. Es war nur eine fremde Wohnung mit meinen Sachen darin.

Die Zeit verging langsam. Sehr langsam. Sie schien so unendlich lang wie das Warten auf seine SMS, die nie kommen würde. Aber das tägliche Geheule war fast unbemerkt verschwunden. Das war doch ein Anfang. Es gab immer wieder Rückschläge, Momente in denen er mir so sehr fehlte, dass ich dachte zerspringen zu müssen. Aber davor brauchte ich mich nicht zu fürchten, denn zersprungen und in Scherben war ich schon seit dem ersten Morgen ohne ihn. Gleichzeitig war ich aber auch so voller Angst und Wut, dass ich nicht wusste wohin damit. Diese Kombination bescherte dem guten Mann wohl einige SMS, die ihren Tenor innerhalb eines Tages 3 Mal ändern konnten. Peinlich und schwach. Aber wahr und menschlich.

Die Lage der neuen Wohnung gefiel mir langsam. Hier ist immer was los. Und selbst wenn ich nur auf meinem Balkon sitze und herunterschaue, bestätigt mir jeder Blick, dass das Leben weitergeht, auch wenn ich das gerade nicht so sah.

Die Taktik mich bewusst aus meinen alten, verkrampften Verhaltensweisen zu lösen hatte wohl geklappt und es machte mich neugierig auf mehr. Ich raffte mich auf.

EINSTEINS DEFINITION FÜR WAHNSINN IST , IMMER WIEDER DAS GLEICHE ZU TUN UND EIN ANDERES ERGEBNIS ZU ERWARTEN !

Das schrieb ich groß an meinen Kühlschrank und legte los. Ich lernte neue Leute kennen, besuchte neue Läden, sah mir all die Museen an, die ich nie sehen wollte. Ich war plötzlich fast nur noch draußen und umgeben von vielen,neuen,wunderbaren Menschen und Nachbarn, und meinen vertrauten Freunden. Skeptisch aber entschlossen packte ich auch Dinge an, die ich vorher nie versuchen wollte, wie Yoga.
Und nebenbei las ich geschätzte 48502 Biografien inspirierender Menschen.
Ich veränderte mich. Aus vielen Gründen. Ich hatte richtig Kreide gefressen und war durch meine neue Rolle als Mutter, gezwungen neue Wege des Durchstehens zu finden. Weglaufen ging nicht mehr. Und stehenbleiben durfte ich an diesem dunklen Ort auch nicht. Nicht mit meinem Kind.
Also lief es am Ende des Tages auf eine simple Erkenntnis heraus: Da muss man jetzt durch.
Man muss jeden Schmerz zugelassen haben, jeden bohrenden Gedanken an den Anderen denken, stundenlang darüber reden und noch mehr Stunden weinen- wenn es denn das ist, wonach einem gerade ist. Denn Verdrängen und sich selbst Stärke vorspielen bringt nichts. Und es macht einen kalt, krank und stumpf. Und schwach. Und so unheimlich plump.

Und ganz langsam und still brannte dieses Thema nun aus. Mir gingen die Worte und die Tränen einfach aus.

Da war es. Ganz vage und kaum zu erkennen : Das Licht am Ende des Tunnels.

Was kann ich nun nach diesen harten Monaten sagen? Was tun, wenns brennt ?
Durchgehen.
Mal kurz brennen lassen. Ruhig mal Asche werden. Egal wie das Feuer entstand, löschen können wir es nur selbst. Und das dauert. Schlimmes will gefühlt und verarbeitet werden, sonst rächt es sich eines Tages und zerstört uns. Lässt uns eine kalte Hülle werden, ohne Zugang zu den eigenen Gefühlen. Also legt man doch lieber die Hand in die Flammen.
Wenn man so vorgeht, hat das größte Feuer am Ende des Tages den Sinn, dass wir als besserer und weiserer Mensch daraus hervorgehen, aus unseren Fehlern lernen und Weichen neu stellen.
Und wenn man soweit ist, geht es von alleine aus...

Wenn ich heute über die diesen Prozess, und nichts Anderes ist es, nachdenke, fühle ich es so :

Es passiert.
Du zerspringst in tausend Stücke. Wie eine Vase.
Du krabbelst am Boden herum und suchst sie mühsam und lange wieder zusammen.
Und dann sitzt du da mit deinem Haufen und starrst ihn an. Lange.
Bis es dir reicht.
Und nach einem gewissen Verschnaufen versuchst du die Teile wieder zu kleben.
Mit dem, was du eben gerade noch hast setzt du sie zusammen.
Kleine und ein paar große Splitter fehlen aber du bist wieder zusammengesetzt.
Nur denen, die genau hinschauen, fallen die Risse und kleinen Löcher auf.
Du bist geflickt und hast deine Form zurück. Aber das Gleiche bist du nicht mehr.

Du bist jetzt eine Antiquität. Eine vom Leben gehauene Skulptur. Eine von dir selbst erschaffene Form. Und ein vom Feuer gehärtetes Unikat.

Ich persönlich finde solche Dinge eh viel faszinierender. Bewegender als die glänzende, vollkommene aber schlichte und gewöhnliche Vase aus dem Kaufhaus nebenan.