"Die große Lifestyle-Lüge" oder "Oh Gott, ich bin schwanger"

Ich, ich glaube ein großes Problem unserer Zeit ist unbegründeter Frust und Unzufriedenheit.
Jeder will Alles sofort, besser und ohne Probleme. Es wird uns ja auch immer und überall aufs Butterbrot geschmiert, wie toll alles sein könnte. Damit wir auch ja nicht vergessen wie unzureichend der Status quo bei uns selbst ist.

Das fängt beim Aussehen an. Egal wo wir hinsehen, präsentiert man uns Menschen mit top Arsch und keinem einzigen Pickel. Aber diese politisch angehauchte „auch die Barbie-Puppe ist zu dünn“-Diskussion kennen wir ja alle.

Viel cleverer ist da schon die Lifestyle-Lüge. Sie versteckt sich nämlich überall. Das fängt schon damit an, dass das Nachbar-Pärchen nie streitet und sie ihm jeden Tag Frühstück ans Bett bringt. Warum macht mein Partner das nicht?
Und wenn Angelina Jolie und Brat Pitt 24 Kinder haben können, warum bin ich dann mit einem überfordert? Wieso haben meine Kumpels jeden Tag Sex mit ihrer Freundin und ich nur einmal im Monat?

WEIL SIE ALLE LÜGEN.

Alles ist schlicht nicht wahr. Von Aussen sieht immer Alles besser aus als es ist, weil man erstens nur sieht, was man sehen will und zweitens nur das, was man uns sehen lässt. Auf den Punkt: „The gras is always greener on the other side“.
Jeder Mann hat diesen wilden Single-Freund, der heiße Weiber aufreißt, ständig Party macht , den krassen 2-Sitzer-Sportwagen fährt und nie Ärger mit seiner Alten kriegt. Ein Traum oder?
Vielleicht ist der Aufreißer aber einfach bindungsunfähig, in einer Midlifecrises oder Alkoholiker? Vielleicht kratzt er jeden Monat panisch die letzten Kröten für die Leasingraten des schicken Flitzers vor dem Haus zusammen und spart dafür an seiner Lebensversicherung. Wem sollte er auch was vermachen, wenn er sich mit 320 um den Brückpfeiler wickelt? Keine Frau – keine Kinder – Egal.

Spätestens aber wenn man selbst um 3 Uhr morgens wütende SMS seiner Freundin bekommt mit dem unmißverständlichen Inhalt, seinen besoffenen Arsch jetzt sofort nach Hause zu bewegen weiß man es ganz genau: Das eigene Leben ist öde und anstrengend.

Ich selbst wurde grün vor Neid als ich den, fast unverschämt großen, Diamantring an der Hand einer strahlenden Kim Kadashian sah, die gerade live verkündete, sie werde einen amerikanischen Sport-Star heiraten und sei die glücklichste Frau der Welt. Ich sah an mir herunter und fand mich, mein Leben und meine Beziehung gerade sehr langweilig und unzulänglich. Gekrönt wurde das Ganze dann 3 Minuten später am Frühstückstisch als ich meinen armen Freund mit der völlig wirren Frage :“Machen wir heute mal was Schönes?“ überfiel. Er schaute über seine Teetasse und fragte etwas unsicher :“ Wie? Was denn, zum Beispiel?“
Grund genug aufzuspringen und im Weggehen zu motzen, dass ihm ja nie irgendwas Romantisches oder Kreatives einfallen würde weil er ein verdammter unsensibler Hackstock sei.

Die selbe Frau, die also mit dieser großen Bürde leben muss (das wäre dann ich), bekam aber Mails von Frauen, die auf die Nachricht meiner Schwangerschaft und meiner Beziehung zu „Mr. Musik-Star-DJ-Held“ genauso reagierten wie ich auf Kim Kadashians Märchenhochzeit mit Superman. Nämlich neidisch. Aber im guten Sinne. Sie schrieben mir, wie gerne auch sie einen so tollen Mann hätten, oder ein Baby oder meinen Job und wie mies aber Alles in ihrem eigenen Leben wäre.

Da wurde mir klar, dass für diese Frauen ich das „grünere Gras“ hatte. Und um einfach mal mit gutem Beispiel voranzugehen, habe ich beschlossen ganz offen preiszugeben wie mein rosa Mädchentraum tatsächlich anfing und wie verdammt windig es auf der „grüneren Gras“ - Seite sein kann. KEINE LIFESTYLE-LÜGE mehr. Mut zum Unglück, Mut zur Lücke, Mut zur Krise. Deswegen will ich euch vom Tag erzählen, an dem ich erfuhr, dass ich schwanger bin.

Das war nämlich so und kein bisschen besser:

Es gibt so Momente im Leben, die vergisst man nie. Schöne und traurige. Von den Schönen haben wir meist schon vorher eine genaue Wunschvorstellung, wie sie einmal sein sollten. Vor allem wir Frauen neigen dazu dem Schicksal ein Drehbuch zu schreiben und dann ganz schockiert und beleidigt zu sein, wenn es sich, frech und dreist, einfach nicht daran hält. Da ich aber bis jetzt ein wirklich sehr bewegtes Leben führen durfte, in dem nie etwas nach Plan lief, habe ich gelernt zumindest nachsichtig mit dem guten alten Schicksal zu sein. Es hat es halt einfach nicht so mit der deutschen Genauigkeit und schon gar nicht mit der Pünktlichkeit. Auch an Pflichtbewusstsein mangelt es ihm oft und es arbeitet schludrig und oft lustlos. Kurz um, das Schicksal ist völlig unterqualifiziert für seinen Job und hat ihn wahrscheinlich nur weil seine Eltern seit Jahrtausenden mit Gott Karten spielen . „Vitamin B“ und Vetternwirtschaft halt - ein bekanntes Problem.

Auf so einen Stümper verlasse ich mich ungern. Deswegen versuche ich, mich selbst so gut wie möglich um mein Leben zu kümmern. Ich nehme keine Drogen, trinke selten, spare eisern immer Teile meines Einkommens und sorge somit dafür, dass ich immer ein Dach über dem Kopf, Essen im Kühlschrank und etwas Geld auf der Bank habe. Damit wäre die Grundversorgung klar. Außerhalb dieser Grenzen, das gebe ich gerne zu, bin ich ein verrücktes Huhn, dass regelmäßig mal den Kopf runter nimmt, um ohne eben diesen, im Kreis zu rennen. Gern auch leicht bekleidet. Aber selbst dann rühre ich den Bausparer nicht an!

Für die wichtigen Dinge habe ich also selbst gesorgt und gearbeitet damit ich mich nicht nur auf das unzuverlässige Schicksal alleine verlassen muss, denn das wäre ja als würde ich jetzt noch Aktien bei „Lehmann Brothers“ kaufen und denken „das wird schon wieder“.

Eines der wichtigsten Dinge im Leben war für mich immer klar : Ich will mal Kinder. Am besten zwei. Und natürlich mit einem netten, nicht komplett gestörten Mann um die 30. Ich selbst hatte das so für mein 25. Lebensjahr ins Auge gefasst, denn ich sehe mich eher als junge Mama. Und ich möchte dann verheiratet sein. Wir sollten alle den gleichen Nachnamen haben und in einem gemeinsamen Zuhause leben. Damit bin ich ja heute schon ein Spießer. Aber das bin ich gerne. Wenn ich also verheiratet und glücklich mit meinem Mann in unserem Haus sitze, pinkele ich irgendwann auf einen Schwangerschaftstest, der dann zwei rosa Streifen anzeigt und wir fallen uns überglücklich in die Arme und sind aus dem Häuschen weil wir Nachwuchs erwarten. Das ist dann wohl einer der Momente, den man nie vergisst. Der „Juhu- wir sind schwanger“-Moment. Darauf freute ich mich schon seit Jahren so sehr. An sich ist diese Erwartungshaltung, wie ich finde, nicht so wahnsinnig überzogen denn ich kenne unzählige Paare, die diesen Moment hatten. Ist ja nicht so, dass ich den Model-Ritter auf dem weißen Schimmel warte, der mich dann in sein Schloss bringt um, mit seiner Kreditkarte ohne Limit, über die Maximilianstrasse zu herrschen.

Und obwohl ich doch weiß was das Schicksal für ein Trottel sein kann und eh nicht viel von ihm erwartete, war ich am 2.11.2011 mächtig sauer auf es (oder sie oder ihn??). Denn da erlaubte es sich den gröbsten Schnitzer seiner bisherigen Karriere. Zumindest für mich persönlich.

Es war ein Mittwoch und der erste Tag zuhause für mich nach einem Promotion-Marathon zu meinem letzten Buch, das eben am 1.11.2011 erschienen war. Auch ansonsten lag eine sehr harte Zeit hinter mir, denn mein Freund hatte sich 4 Wochen zuvor ,von einem Tag auf den anderen , von mir getrennt und war ausgezogen. Ich litt darunter wie ein Hund aber die Zeit und auch die Arbeit machten vieles besser und ich hatte mich auf eine durchschnittliche Heul-Dauer von 15 Minuten am Tag, bevorzugt Abends, heruntergekämpft. Es wurde langsam besser. Alleine aufzuwachen war mittlerweile fast normal geworden. So auch an diesem Tag. Ich saß aufrecht und neutraler Stimmung in meinem Bett und checkte meine Termine. Der erste des Tages war ein Radiointerview zum Buch um 16 Uhr. Aus Macht der Gewohnheit, und weil ich zur Zeit nie großen Hunger hatte ( die einzig positive Folge des Liebeskummers) machte ich mir erstmal nur Cafe als Frühstück und schaute fern. Irgendwie beschlich mich dann doch mal das Gefühl jetzt etwas nützliches tun zu müssen und ich prüfte meine „To-DO“-Liste im iPhone. Wäsche waschen- keine Lust. Neuen Schrank fürs Bad besorgen- alleine utopisch. Dr.Hassmann anrufen- ja das war machbar.

Dr.Hassmann ist mein Frauenarzt. Ich habe ihn mir per schlichter Umkreissuche auf dem Handy ausgesucht, als ich in meine jetzige Wohnung zog. Er ist nur 540 Meter Luftlinie entfernt und bekam somit den Zuschlag. Ich bin nicht die Art Frau, die eine Umfrage bei ihren Freundinnen durchführt um den tollsten Arzt zu finden. Und ich blieb Dr. Hassmann treu, denn er ist wahrlich eine Marke für sich. Er ist geschätzte 250 Jahre alt und genauso alt ist seine Praxis. Er hat, wie mir scheint nie auch nur ein neues Gerät seit Eintreten in den Berufstand gekauft und fährt ganz gut damit. Er betreut scheinbar die gesamte türkische Gemeinde Münchens. Aber vor allem ist Dr.Hassmann ein Hippie. Er hat schulterlange graue Haare und einen Vollbart. Und er raucht ganz gern mal eine in seiner Praxis. Das würde er nie vor seinen Patientinnen tun aber man riecht es halt. Mir ist das Alles egal denn er ist lustig und man braucht keinen Termin zu machen sondern ruft einfach kurz an ob es ihm passt. Und das tat ich an diesem Tag. Da er keine Sprechstundenhilfe hat, geht er entweder gar nicht oder höchstselbst ans Telefon. „Hassmann. Hallo?“ krächzte die liebenswerte Raucherlunge am anderen Ende der Leitung. „Hey, Dr. Hassmann. Hier ist Sara Schätzl. Ich müsste mal wieder vorbeikommen denn ich habe meine Periode noch immer nicht. Und jetzt sind es ja schon 8 Wochen.“. Ja, jetzt ist man erstmal entsetzt aber, wie fast immer im Leben ist es nicht so wild. Dazu möchte ich kurz anbringen dass mein Doc und ich regelmäßig vor diesem Problem stehen und zwar nicht weil ich etwa ein Flittchen sei, das gern mal ungeschützt rumvögelt. Manchmal lügt das Fernsehen. Sondern durch meine jahrelange Essstörung bekam ich meine Tage einfach oft nicht von alleine. Sie musste dann durch Hormonprepärate herbeigeführt werden. „Ja gut, dann kommen Sie eben kurz vorbei. Bis gleich“ Tut tut tut- er hatte eilig aufgelegt. Im Hintergrund hörte ich ja auch schon wieder aufgeregtes türkisches Gackern.
Ich streifte mir eine Jogginghose und irgendeinen Pulli über und machte mich auf den Weg. Das war alles schon Routine für Hassi und mich. Wie immer parkte ich meinen Jeep dezent auf dem Gehsteig direkt vor der Praxis denn es gab nirgends Parkplätze und ich würde eh nach 10 Minuten fertig sein. Im 4. Stock angekommen betrat ich die Praxis und drei fröhliche Türkinnen stürmten raus. Dr. Hassmann stand im Gang in notierte sich irgendwas. „Besser so“ dachte ich grinsend bei mir, denn er machte den Eindruck als würde ihm gerne mal etwas entfallen. Als er mich sah wedelte er mit seinem Klemmbrett und nuschelte „noch kurz warten“ in seinen Bart. Ich setzte mich in das verwaiste Wartezimmer und nahm mir eine der Esoterik-Zeitschriften, die er aus Überzeugung auf dem Tisch verteilte. Der Leitartikel hieß „Wie man negative Erfahrung in Licht bündelt“. Das war doch mal was. Die Trennung, und das folgende Hin-und-Her-Gemaile war so schmerzhaft, dass ich davon ne Menge Licht erzeugen könnte. Das Olympiastadion könnte ich mit Strom versorgen. Mit dem typischen Interesse einer Sitzengelassenen an jedem kleinem Strohhalm , schlug ich den Artikel auf und war bereit mich mit Licht durchströmen zu lassen. Und das morgens um 9.
Aber wie das eben so ist, kommt der Erleuchtung meist was in die Quere. In diesem Fall Hassi, der mich vom anderen Ende des Ganges in sein Sprechzimmer rief.
Ich setzte mich in den gemütlichen Raum mit Wohnzimmer-Flair. Der Doc saß hinter seinem schweren, antiken Holzschreibtisch. Wahrscheinlich war der gar nicht für teures Geld aus dem Antiquariat, der war einfach zur Eröffnung der Praxis modern gewesen.
Er zuppelte meine Akte hervor und studierte sie eine ziemlich lange Zeit. „So, das letzte mal waren Sie vor 4 Wochen da und da war die Periode gerade mal 2 Tage überfällig. Deshalb wollten wir warten ob sie von alleine kommt aber das tut ja scheinbar nicht. Bluttest und Ultraschall waren das letzte mal völlig normal. Tja, dann müssen wir Etwas verschreiben.“ sagte er mehr zu sich als zu mir und ich nickte halt. Das kannten wir doch beide schon. Als ich 4 Wochen zuvor hier gewesen war, war die Welt noch eine andere. Ich war noch „in a relationship“, um es mit den Worten der Generation Facebook zu sagen und ich war sehr glücklich. Nur 3 Tage zuvor war ich aus dem Thailand-Urlaub zurückgekommen. Es war für meine Freund und mich der schönste Urlaub unseres Lebens und wir waren eben erst zusammengezogen und planten auf Koh Samui unsere Zukunft. Natürlich mit Kindern irgendwann. Deswegen hatte ich bei dem Termin vor 4 Wochen die leise Hoffnung vielleicht schwanger zu sein. Es hätte keinen besseren Zeitpunkt geben können. Aber den Zahn zog mir Hassi damals direkt. Und damit rechnete ich auch, da ich bei meinem Hormonhaushalt wohl nicht einfach so schwanger werden könnten ohne nachzuhelfen. Das wusste ich von mehreren Ärzten. Außerdem hatte wir im Urlaub nur einmal auf Verhütung verzichtet. Im Eifer des Gefechtes. Irgendwann wollten wir ja ohnehin Kinder. Wir dachten an das nächste Jahr. Aber gut, wenn der Körper nicht will, will er nicht. Irgendwann wollten wir, wenn es dann an der Zeit ist, hormonelle Unterstützung buchen... quasi.

Der Doc stand auf und bat mich, mich kurz auf die Liege zum Ultraschall zu legen damit er nachsehen konnte wie der Stand der Dinge da drin war. Ich bekam einen Anruf des Verlages rein und er meinte, ich könne ruhig rangehen. Tat ich auch. Es gab für mich in diesen Tagen kein anderes Thema als mein Buch und die Planung der nächsten Karriereschritte. Das nächste Jahr sah so vielversprechend aus, dass ich fast , aber nur fast, meinen Liebeskummer und die unbändige Wut auf meinen Ex vergaß. Die Pressebeauftragte des Verlages redete wie ein Buch und mir gefiel das. Effiziente Arbeitsweise, viel Info, viel Erfolg. Ich erklärte ihr gerade die Vertragsbedingungen eines TV-Projektes in 3 Monaten, da störte ein Räuspern von Hassi meine Konzentration. Er lehnte sich nach vorne und betrachtete den Monitor sehr genau. Und dann kam er, dieser Moment, der Alles änderte. Dr.Hassmanns Gesicht starrte in meines und sagte :“Haha, ja klar. Sie sind schwanger. Und zwar sowas von!“ Ich legte einfach auf und dann müssen ein paar Sekunden vergangen sein bevor mir klar wurde, dass das unmöglich war. Ich hatte mich nämlich gegen Rache-Sex mit irgendwelchen Männern nach der Trennung entschieden. Damit wollte ich erst in ein paar Wochen anfangen, wenn überhaupt. Also antwortete ich folgerichtig ganz ruhig: „Nein, bin ich nicht. Ich hatte seit unserem letzten Termin hier keinen Sex mehr.“ Da lachte er und flötete vergnügt: „Das muss in ihrem Alter sehr ärgerlich sein aber das Baby ist schon zuvor entstanden. Das konnten wir beim letzten mal nur noch nicht sehen aber die Eizelle war das schon befruchtet. Toll!“. Mir wurde schlecht. Sehr schlecht. Und mein Kopf war leer. Ich lag bewegungslos da während Hassi sich über mir aufbaute und tatsächlich sagte :“Inschallah, es ist ein Wunder“. Inschallah? Will der mich jetzt verarschen? Das kann nicht sein. Wir konnten doch beim letzten mal nicht einfach ein Baby übersehen haben?! Mein Kopf schwirrte aber er brachte nichts zusammen. Hassi war aus dem Häuschen. Da platze es einfach aus mir heraus. „Jetzt halten Sie mal die Klappe!! Wir habe ganz andere Probleme!“ schrie ich ihn an und begann zeitgleich heftig zu weinen. Die Tränen rannen über mein Gesicht und ich hätte ihn gern verprügelt aber es gab kein bisschen Kraft in mir um auch nur den Kopf zu heben. Er fasste mir mit versteinerter Miene an den Unterarm und flüsterte mit betroffenem Ton:“ Ohje, Sie wissen nicht von wem es ist“. Ja spinne ich? Was denkt er denn was ich für eine bin. Jetzt hatte ich plötzlich sehr viel Kraft um mich ruckartig aufzurichten. „Natürlich weiß ich von wem es ist! Was denken Sie denn von mir? Von meinem Freund! Aber der Arsch hat sich 2 Tage nach unserem letzten Termin aus dem Staub gemacht. Ohne Erklärung.“ bellte ich ihn an. Ratlos musterte er mich und bemerkt dann scharfsinnig :“Das ist jetzt aber blöd“. Angesichts soviel Irrsinns der Situation musste ich lachen. Und mit dem Lachen entwich auch die kurzfristige Energie sofort wieder. „Wann ist das denn passiert?“ fragte ich ganz leise während ich ziemlich zusammensackte und mehr wie ein nasser Klumpen auf der Liege hing. Er holte irgendeine Tabelle und schob sein Lineal darauf herum, ich betrachtete meine baumelnden Füsse und die leuchtend roten Sneakers daran. „Zwischen dem 23. und 28. 9.“ sagte er doch recht überzeugend. „Sicher?“ fragte ich knapp. Und er darauf ganz trocken :“Wenn Sie nicht die Jungfrau Maria sind, hatten Sie da Sex und sind nun schwanger“. Ich musste lachen auch wenn es nichts zu lachen gab. Gleichzeitig hörte ich aber trotzdem nicht auf zu weinen. Sehr komische Mischung. Hassi lächelte und setzte sich zurück an seinen Schreibtisch. Ich raffte mich auf und setzte mich gegenüber. „Und jetzt?“ schluchzte ich. Noch nie meinte ich diese Frage so ernst und so allumfassend. Der Doc wirkte sehr gefasst und ging zur Routine über. „Wir nehmen jetzt mal Blut ab und wenn das da ist stellen wir einen Mutterpass aus. Das wird eine spannende Zeit, Frau Schätzl“ erklärte er ganz nüchtern.
Und ich, ich nickte einfach nur. Normalerweise habe ich unglaublich Angst vor Nadeln und Blutabnehmen aber diesmal starrte ich in die Luft und spürt nichts. Null. Ich hatte scheinbar einen Schock. Ich hab mich angesichts der Nachricht zu Tode erschrocken. Kein Wunder. Ich hätte noch eher auf „Sie sind eigentlich schwarz“ als auf „Sie sind schwanger“ gewettet. Wie in einer Wolke lief ich zurück ins Auto und saß erstmal nur da. Ich weiß nicht wie lange aber als ich auf die Uhr sah war es fast 11. Entweder ich saß lange im Auto oder war ewig bei Hassi. Egal. Was sollte ich jetzt tun? Ich versuchte in mir irgendwas zu finden. Ein Gefühl oder eine Regung. Was hielt ich denn jetzt eigentlich davon ? Was war meine Meinung dazu? Aber da fand sich nichts.

Außer ein bisschen Wut auf das Schicksal. Warum konnten wir die Schwangerschaft nicht schon beim letzten Arztbesuch entdecken. Denn hätte ich jetzt meinen Freund anrufen können und wir wären beide ausgeflippt. Zwar nicht verheiratet aber über die Maßen verliebt und in einer gemeinsamen Wohnung. Das war ein grober, gemeiner und unverzeihlicher Schnitzer des Schicksals. Unfassbar. Traurig und schlapp hing ich in meinem Jeep und war gezwungen diese Frechheit aber genau so hinzunehmen wie sie war. Ich war 23, unglücklicher Single, überdurchschnittlich schwanger und konnte alle geplanten TV-Projekte und die dazugehörigen Gagen des nächsten Jahres streichen. Das ist einer der Tage im Leben, die man niemals vergisst. Und die manchmal überhaupt nicht dem Drehbuch entsprechen. Nie mehr wiederholt oder anders gemacht werden können. Sie sind in Stein gemeisselt. In dir und deinem Leben.

Mein „wir sind schwanger“-Wunschmoment war für immer weg. Ich werde ihn nie haben dürfen. Ich kann ich nicht zurückholen. Das war so nicht richtig. Und nun weinte ich wieder. Leise auf mein Lenkrad in meinem Jeep während Fussgänger mich anstarrten.





Ja, heute bin ich glücklich mit meinem Freund und noch viel glücklicher über meinen Sohn. Aber bis dahin war es ein langer Weg.
Und das ist normal. Absolut normal. Für Alle wirklich guten Dinge im Leben muss man kämpfen und arbeiten. Nichts davon kommt über Nacht oder bleibt umsonst. Es sieht nur immer so verdammt danach aus, als ob es für die anderen so wäre. Das ist es nicht. Und vielleicht weiß man es ja auch erst zu schätzen, wenn es einem nicht in den Schoß fällt?

Kim Kadashian reichte nach nur 73 Tagen Ehe dramatisch die Scheidung ein. Vielleicht schau ich mir dann doch lieber jeden Morgen den gleichen Mann, mit dem gleichen Tee, am gleichen Tisch an. Unserem langweiligen weissen Tisch. Und besser er hält meine Hand für eine lange Zeit als einen 2-Millionen-Dollar-Ring hinzustecken, der nach nur 73 Tagen einfach nur ein Stück teurer Kohlenstoff ist.