Wenn ein Legastheniker eine Lesung halten soll . . .

Wenn man schreiben kann muss man doch auch lesen können- oder?


Seit ein paar Wochen stecke ich bis zum Hals in meiner Pressearbeit für das Buch. Nun habe ich über 300 Seiten zu Papier gebracht, da soll ja dann auch Jemand was davon erfahren und es bestenfalls lesen. Also tingle ich durch alle Medienstätte, gebe Interviews, ziehe stundenlang den Bauch für Fotoshoots ein und beantworte brav immer wieder die gleichen Fragen. Mein Verlag sagt, ich schlage mich gut und die Verkäufe bestätigen das. Hochmotiviert werde ich also auch weiterhin lächeln, meine Organe in Größe 34 quetschen, bis zu 3 mal am Tag fliegen, mich unzählige Male umziehen und artig in jedes Mikro sprechen. Aber eine Sache habe ich abgelehnt : Lesungen.

Die gehören normalerweise zum Standardprogramm einer Autorin aber da ich so gut im Lächeln und Nicken bin, dachte man, ich könnte, auf meinen ausdrücklichen Wunsch, darauf verzichten und dafür mehr Pressetermine wahrnehmen. Deal. Ich war sehr erleichtert über die Verhandlungsbereitschaft meines Verlages, denn aus irgendeinem Grund habe ich wirklich große Angst davor eine Lesung zu veranstalten.
Der Gedanke allein, ganz nah, vor so vielen Menschen zu sitzen und vorzulesen macht mir Angst. Ich würde sicher die ganze Zeit undeutlich sprechen, mich verlesen und das kenne ich von mir, plötzlich unerträglich husten müssen. So war es in der Schule und ich denke, so wäre es auch heute noch. Da macht es, das ist kein Witz, überhaupt keinen Unterschied, dass ich die Texte selbst geschrieben habe. Wenn ich, quasi „freestyle“, erzählen dürfte, könnte ich das super. Darf ich aber eben nicht, wie man mir sehr deutlich sagte. Deswegen heißt es wohl auch Lesung und nicht „Sara´s lustige Erzählstunde mit dem Best of ihres verqueren Lebens“. Also kategorisch abgelehnt und Thema beendet.
Bis heute.

Heute fuhr ich zu meiner Omi aufs Land. Dieses „Land“ befindet sich ungefähr 10 Kilometer von Donauwörth, meiner Heimatstadt entfernt. Oma versprach Schnitzel und Nusskuchen und ich schwang mich sofort ins Auto. Auf dem Weg zur betagten Küchenfee hatte ich noch kurz den Gedanken, ihr ein nettes Büchlein mit Lebensweisheiten zu schenken. Ihr Mann, somit mein Opa, war vor wenigen Wochen gestorben und das hatte die ganze Familie auf das Schwerste erschüttert. Da kann man ein paar aufmunternde Zeilen immer gebrauchen. Im Zuge der Anreise machte ich also noch einen Abstecher nach Donauwörth in die einzige Ladenstraße, die es da nun mal gibt. Angekommen, steuerte ich zielstrebig in meinem, nennen wir es mal sehr legeren, Outfit auf die Buchhandlung zu. Mit zusammengebundenen Haare, schwarzem Jogginganzug, ungeschminkt und großer Brille im Gesicht, betrat ich das überraschend große Geschäft. Das Regal mit den Lebensweisheiten war schnell gefunden und ich entschied mich für das kitschigste Werk im Regal- immer gut. Um ja nicht die Schnitzel-Time bei Oma zu verpassen, ging ich zügig zur Kasse und stellte mich an. Da staunte ich dann doch nicht schlecht. Mein Buch war noch zusätzlich zur normalen Auslage in seiner Kategorie auf Augenhöhe neben der Kasse gestapelt! Boa eh! Da stand es wir ein kleiner Star, mein Buch! Und dann ist es passiert- ich nahm eines vom Stapel und kaufte mein eigenes Buch. Innerlich war ich ein bisschen aus dem Häuschen und ernsthaft gerührt. Früher fand ich das immer sehr dramatisch, wenn Autoren ganz andächtig in eine Buchhandlung gehen um ihr eigenes Werk zu erstehen. Warum auch- ich weiß ja wohl was drin steht. Aber in diesem Moment, in meiner Heimatstadt, bekam ich auf einmal einen sentimentalen Anfall. Bewegt klammerte ich mich an meine zwei Artikel und kam auch schon dran. Der Mann an der Kasse scannte beide ein und schaute auf mein Buch. „Kennen Sie die auch?“ fragte er plötzlich. „Ja. Flüchtig“ antwortete ich aus Verunsicherung. „Die kommt aus Donauwörth und ist die einzige Berühmte, die wir haben“. Ich schaute ihn wortlos an und er mich. „Toll oder?“ hakte er nach. „Ja, ich habe davon gehört.“ gab ich unsicher und überrumpelt zurück. Was tat ich denn da? Versuchte ich gerade zu vertuschen ,dass ich ich war? Und warum überhaupt? „Wir haben schon zweimal bei ihrem Management angerufen und um eine Lesung in unserer Buchhandlung gebeten aber die sagen immer sie hätte sich noch nicht geäußert.“ erzählte er etwas niedergeschlagen.
„Ja, ich hab schon öfter gehört, dass die Madame wohl etwas länger braucht“ witzelte ich, plötzlich bester Laune. Er schaute auf und erklärte weiter „Naja wir verkaufen das Buch ja wie warme Semmeln hier in der Stadt und es wäre schon schön gewesen, wenn sie noch einmal in ihre Heimat gekommen wäre. Aber die Leute vom Fernsehen habe ja auch viel zu tun“.
„Nö. eigentlich nicht gar soooo viel. Heute zum Beispiel nur Schnitzel und Nusskuchen bei Omi“, dachte ich bei mir und schämte mich ein bisschen. Er steckte meine Sachen in eine Tüte und ich versprach ihm, wenn Sara Schätzl zu einer Lesung käme, wäre ich ganz sicher auch dabei. War ja nicht gelogen. Nachdenklich ging ich aus dem Laden und kam mir gemein vor. Ich hatte ja nicht Donauwörth direkt als Lesungsort abgelehnt sondern den generellen Vorgang. Das wusste ich und trotzdem fühlte ich mich schäbig. Zurück in meinem Auto fuhr ich die Ladenstraße hinunter, vorbei am einstigen Juweliergeschäft meiner Eltern und dem Spielzeugladen in dem ich früher jeden Tag die neuen Spielsachen anstarrte. Donauwörth fühlte sich eben an wie das was es ist, meine Heimat in der ich nie bleiben wollte. Aber trotzdem der Ort, an dem all meine Kindheitserinnerungen spielen. Heimat bleibt Heimat.
Entschlossen und , ich gebe es zu, ohne lang genug nachzudenken, griff ich zum Hörer und rief die Vertriebsabteilung meines Verlages an. In kurzen Worten und zur Überraschung der Frau am anderen Ende der Leitung, bat ich sie eine Lesung in Donauwörth in genau dieser Buchhandlung für Mitte Dezember zu bestätigen. Und nur diese Eine. Und nur dort.

Ja, also so ist es nun. Und ich werde mir den ganzen Abend Zeit nehmen und dort bleiben bis jede Frage beantwortet und jedes Buch signiert ist. Erstens, weil ich das wirklich will und zweitens, weil ich hoffe, so meine Vorlese-Defizite wettmachen zu können. Es gibt nur diese eine Lesung. Und zwar in meiner Heimat. Im kleinen Kreis.

Ach, das wird ein Spass, wenn ein Legastheniker eine Lesung hält...




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