Vampire Diaries ... euer Abendessen ist mein Frühstück

Ich war schon immer ein nachtaktiver Mensch. Ich schreibe am liebsten die ganze Nacht und wenn man mich dann vor 12 Uhr zu Aktivitäten zwingt, fühle ich mich normalerweise grauenvoll und rechne jede Sekunde mit Organversagen. Man kann sich also vorstellen, dass ich meine gesamte Schulzeit nur vor mich hin vegetiert habe. Dank dem Schlafrhythmus eines Vampirs war es mir als Kind schon unmöglich um 8 Uhr Morgens irgendwas von dem zu registrieren, was der Lehrer da am Pult erzählte. Ich lief auf Standby. Mein Körper war da aber mein Hirn schlief - das brachte mir eine Menge Ärger und schlechte Noten! Aber da ich jetzt ein großes Mädchen bin und im künstlerischen Bereich arbeite, verzeiht man mir das. Wenn man nämlich was mit Medien und Kunst macht, ist abgefuckt sein sehr chic. Man erwartet das quasi von mir. Ich muss etwas fertig und nach Weltschmerz aussehen, dann werde ich als Künstler gleich ernster genommen. Wenn ich mein Barbie-Outfit raushole und wie ein Teletubbie durch die Gegend springe, und das tue ich öfter, glaubt plötzlich keiner mehr, dass ich gute Texte schreiben könnte. Komisch oder?

Aber manchmal bediene ich das Klischee der verbitterten, introvertierten Künstlerseele anscheinend ganz ohne Absicht. So auch heute Nacht. Ich saß gegen 24 Uhr auf meiner Couch und starrte durch mein Wohnzimmer. In meiner Zeitrechnung ist es jetzt gerade früher Abend und da alle meine Freunde das wissen, zählte ich bereits 13 Anrufe in Abwesenheit auf meinem Handy. Ich gehe ich in den ersten Stock, in mein Kleiderzimmer, und sehe mich um. Jetzt gibt es nur 2 Möglichkeiten- Flittchentag oder Chuckstag. Wenn ich etwas motivierter bin und mein Ego pushen will, entscheide ich mich für Kleid, High Heels und offene Haare. Da keines meiner Kleider länger ist als ein großer Pulli, wäre das dann die Flittchenvariante. Ich denke solange man sich nicht wie eines benimmt, darf man ruhig aussehen wie ein leichtes Mädchen. Wenn ich aber einfach nur rausgehe, weil mir daheim langweilig ist, investiere ich nicht mehr als 10 Minuten in das Abendstyling und das macht sich auch bemerkbar. Ich kenne Frauen, die würden nicht mal so zum Bäcker gehen wie ich ins P1. Aber ok. Gestern viel die Wahl dann auf eine Jeans mit Löchern, ein graues Shirt mit irgendeinem Aufdruck und Chucks. Chuckstag also.

Ich schmiss mir meine Lederjacke über und fuhr ins 089 um einen Kumpel zu besuchen, der dort arbeitet. Für mich ist das Nachtleben Routine, wie für andere eben der Tag. Ich kämpfe mich durch den immer vollen Laden zum DJ-Pult und begrüße meinen Freund Max. Und dann kommt mein Verständnis von Vergnügen: Ich stehe einfach nur da, trinke Wasser, singe jedes Lied leise mit und beobachte das Geschehen. Mit ist schon klar, dass das auf die Außenwelt geradezu autistisch wirken muss. Aber ich will halt an 95% der Abende nicht durchdrehen, saufen, flirten oder überhaupt mit Leuten reden. Ich bin mit meinem Einsiedlerprogramm total zufrieden.

Aber früher oder später grätscht mir immer irgendeiner regelrecht in meinen Gammel-Flow! Wenn ich da so in der Ecke stehe habe ich die Ausstrahlung eines Stücks Brot und den Funfactor einer Matheklausur. Und genau das muss die verkappten Masochisten der Partyszene dazu bringen mich anzuquatschen. Dies passiert dann mit so kreativen Highlights wie „Warum schaust du denn so böse?“. Nun ist mir aber bewusst, dass mein Gegenüber es ja nicht besser weiß und ich sage dann höflich aber bestimmt, dass mein Gesicht immer so aussähe und ich wirklich keine Lust auf ein Gespräch hätte. Bei 99 von 100 Typen reicht das um meine Ruhe zu haben. Aber ab und zu findet mich der Eine, der nicht aufhören will. So geschehen auch vor ein paar Stunden. Der Typ entgegnete mir auf meine Abschmetter-Standart-Erklärung nämlich folgendes: „Ah, du bist so eine die auf cool macht damit man von Anfang an weiß, dass sie nicht leicht zu haben ist“. Woraufhin ich irritiert meinte: „Nein, ich bin so eine, die keine Lust hat mit jemandem zu reden und jetzt lass mich bitte in Ruhe“.

Ich drehte mich weg und starrte eben in dir andere Richtung des Clubs- ich bin da ja flexibel. Fast hatte ich diesen lächerlichen Versuch von Fünftklasspsychologie vergessen, da tippt mir jemand auf die Schulter. Da steht es wieder. Wortlos starre ich ihn an und warte der Dinge, die da nun kommen mögen. Ist ja nicht so als hätte ich eine große Wahl.
Und da gehts auch schon los. Er baut sich vor mir auf und sagt :“ Du bist so ne richtige Assibraut. Aber das gefällt mir. Du gibst nen Scheiß auf das was die Leute denken und provozierst absichtlich die ganzen Normalos. Ich finde dich so krass cool. Aber mit deiner Masche willst du unterm Strich ja auch nur erreichen, dass dich Leute interessant finden. Also hier bin ich und will unbedingt mit der quatschen. Ziel erreicht.“

Ist das ein verdammter Scherz? Ich weiß nicht was mich mehr ärgert, die Tatsache, dass er mich Assibraut genannt hat oder der Fakt, dass er mein komplettes Dasein scheinbar für eine Masche hält um ihn zu beeindrucken. Ich blicke verwirrt auf den komischen Jungen vor mir und antworte ihm auf seine unangebrachte,flache und ungebetene Psychoanalyse mit den Worten :“Glaub es mir oder nicht, ich will einfach nur dastehen und Musik hören. Das ist nicht mal eine Masche, ich gehe davon aus, das bin nur ich. Und ich gehe eben nicht weg um Menschen kennenzulernen. Bitte lass es einfach gut sein, du verschwendest unser beider Zeit.“
Und er entgegnet trocken: „Mein Gott, bist du am Arsch, Alte“. Und geht. Wow.
Bin ich am Arsch? Bin ich ein wahnsinniger Unsympath mit Kommunikationsstörung? Es ist Nacht und da will mein Gehirn immer unbedingt schnell und viel denken. And here we go again, eine Runde Selbstzweifel für die Dame mit dem hässlichen grauen Shirt bitte.
Als ich zum Auto laufe und rauche werfe ich mal kurz einen Blick auf mich selbst. Ja, ich sehe aus als würde ich jetzt am Bahnhof pennen und meine Tattoos verstärken dieses Bild wohl noch. Und ich wirke auf andere Leute irgendwie kaputt weil ich nie vor 12 Uhr aufstehe und erst dann frühstücke, wenn andere aus der Arbeit kommen. Aber muss ich mich dafür wirklich schämen? Meine Gedanken rasen noch die ganze Fahrt nach Hause. Ich schließe meine Haustür auf und schaue mich um. Mein ganzes Leben wurde ich immer blöd angesehen weil ich irgendwie anders war und die normalsten Dinge des Alltags nicht so gut konnte wie andere. Ich war schlecht in der Schule, hab nie Hausaufgaben gemacht und für Behördengänge muss man mir erst ne Geldstrafe androhen. Aber dafür, dass viele mich für einen Freak halten, habe ich mein Leben doch gut im Griff. Ich setzt mich an den Küchentisch und schreibe diesen Text. Weil ich das eben jetzt kann. Und will. Nachts, wenn alle Anderen schlafen. Und weil ich es liebe meine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse mit euch zu teilen. Dann bin ich nicht mehr so allein damit und jeder, der ab und zu das Gefühl hat „etwas anders“ zu sein lächelt sicher wenn er das nun liest...

Ich mag mein Leben. Es ist nicht perfekt aber es ist meins.