Weihnachten für Anfänger

Vorwort für die Besucher meiner Homepage:

Ich wurde von einem Kitzbüheler Lifestyle Magazin gefragt, ob ich Lust hätte eine Weihnachtsgeschichte für ihre Dezemberausgabe zu schreiben. Da ich selbst Leser des Magazins bin habe ich mich sehr gefreut und den Auftrag gerne angenommen. Doch während des Schreibens habe ich mich entschieden etwas von den traditionellen, besinnlichen Storys abzuweichen und etwas Anderes zu machen. Ich habe einfach von meinem letzten Weihnachten und meiner eigenen Verblendung und Konsumsucht erzählt. Gestern Abend, am 18.12. ,fand nun die Veröffentlichung statt und ich bin extra in das Dorf der Schönen und Reichen gefahren, um mir die Reaktionen auf den Artikel anzuhören. Eigentlich rechnete ich damit belächelt und eventuell mit Champagner übergossen zu werden. Überraschenderweise kam ein wenig Gesellschaftskritik scheinbar gut an und Damen in Pelzmänteln, mit dem Wert einer Eigentumswohnung, gratulierten mir zu dem mutigen Schritt. Hiermit danke ich auch den Herausgebern, die, entgegen des sonstigen Tenors ihres Produkts, liberal genug waren meine Kolumne so zu drucken.
Und nun bin ich über Alles gespannt, wie ihr es findet...


Stellen Sie sich bitte folgendes Bild vor :
Eine junge Frau steht stumm auf dem Parkplatz eines Gartencenters. Sie wirkt verloren und starrt sekundenlang auf einen leuchtenden Plastikelch, der leider aussieht als wäre er an einem atomverseuchten Fluss aufgewachsen. Durch ihr Auto toben zwei fremde Kinder. Was war geschehen? Das möchte ich Ihnen gern erzählen, denn ich bin diese Frau.

Lassen Sie mich 10 Tage vor eben beschriebenen Moment X anfangen.
Es ist der 28.November 2010. Im Halbschlaf habe ich es irgendwie geschafft mich anzuziehen und tageslichttauglich zu schminken. Gerade als ich auf das, mir so vertraute, Stauende auf der Autobahn auffahre, klingelt mein Handy. Meine Oma. Es ist mittlerweile fast 9 Uhr, also quasi Mittag für meine Großeltern. Als ich abnehme schallt es über die Freisprechanlage des Autos in unzumutbarer Lautstärke: „ Frohen ersten Advent, kleine Saramaus !“ Aha. Bemüht versuche ich irgendwas ähnlich Nettes zu formulieren, obwohl mir die Vorweihnachtszeit wirklich mehr als egal ist. Der Rest meiner Familie hingegen zelebriert die Adventswochen mit geradezu auszehrender Hingabe. Wie immer, werden mir die aktuellsten News aus ihrem Dorf und dem Seniorencafé erzählt. Aber am Ende des Standardinformationsaustausches fragt man mich dann plötzlich, aber mit gemein beiläufigem Ton, was ich dieses Jahr am dritten Advent vorhätte. Überrumpelt antworte ich mit der Wahrheit : Nichts. Und dann bricht Begeisterung am anderen Ende der Leitung aus. „Toll, ich habe gerade mit deiner Mutter gesprochen und wir wollen dich gern Alle besuchen. Jetzt kannst du mal die Gastgeberin sein, du bist ja jetzt schon groß, mein Schatz“. Aus Liebe zu meiner Familie versuche ich aufkeimende Panikschreie zu unterdrücken und presse ein „Ok, ganz toll.Freu mich“ heraus. Dann lege ich auf und starre auf das Armaturenbrett.

Bis jetzt bestand Weihnachten für mich nur daraus am 24. zu meinem Elternhaus zu fahren, dort die ganze Family zu treffen, fröhlich zu sein und Geschenke auszutauschen. Das fand ich völlig ausreichend und sehr schön. Irgendwer kümmerte sich um Alles und ich war ja schließlich das Kind und musste nur anwesend sein. Aber jetzt, 5 Jahre nach meinem Volljährig werden, entriss man mir diesen Part ?! Und was bedeutete dies nun für mich? Impressionen von den zurückliegenden Weihnachtsfeiern strömten durch meinen Kopf. Ich sah meterhohe funkelnde Christbäume, Glühwein, selbst gemachte Plätzchen und eine detaillierte Grippe inclusive super Jesus. Meine Familie hängte die Christmas-Latte ziemlich hoch. Da werde ich mit einem Adventskranz vom Discounter und ein paar Teelichtern keine strahlenden Gesichter ernten. Es galt Weihnachtsprofis aus der Champions League zu empfangen. Den Gedanken musste ich erst ein paar Tage sacken lassen.

Nun brauchte ich eine Woche um mich seelisch auf das große Happening einzustellen. Und weitere 48 Stunden um mich zu motivieren. Aber nun hatten wir schon den 8.12 und es blieben mir 4 Tage um mein schmuckloses Singlehaus in Winterwonderland zu verwandeln. Aber wie? Ich tat das, was ich immer tue: Ich googlte das Ganze erstmal. Endlose Treffer zum Thema „Weihnachtsfeier“ aber keine Lösung für mich. Also blieb mir nur meine Freundin Rena. An elf Monaten des Jahres waren wir ein tolles Team und beste Freundinnen. Nur im Dezember nahmen wir Urlaub voneinander, denn diese Frau ist Lametta auf zwei Beinen sobald irgendwo der erste Lebkuchen verkauft wird. Jedes Jahr warte ich darauf, dass sie auf einem Reentier als Miss Christmas durch die oberkitschige Werbung von Coca Cola reitet. Und wenn ich sie nun um Hilfe bei der Vorbereitung meiner Weihnachtsfeier bitte, werde ich wohl einen Hörsturz von ihrem glücklichen Gekreische davontragen. Deshalb schreibe ich nur eine SMS und wir verabreden uns zur Lagebesprechung bei mir.
Eine halbe Stunde zu früh ist sie da und mit ihr strömt Kompetenz in mein Haus. Sie lässt sich sofort auf einen Stuhl am Küchentisch fallen und verlangt, mit ungewohntem Befehlston, einen Block und Stifte. Es ist sofort klar wer hier das Regiment führt. Auch gut. Sie sieht mich streng an und verkündet, dass es fast unmöglich wäre in 4 Tagen noch Alles auf die Beine zu stellen und was ich mir dabei gedacht hätte. Ich starrte stumm auf die Tischplatte, als hätte ich eine 5 in Mathe gebeichtet. Ab da schaltete ich ein wenig auf Durchzug und vertraute ganz der motivierten, wasserstoffblonden Elfe zu meiner Linken. Zu Recht. Nach 10 Minuten drückte sie mir ein Blatt mit 41 (!) Dingen in dir Hand, die ich morgen Nachmittag besorgen sollte. Allein 14 Produkte hatte sie für die Kategorie „Essen und Trinken“ aufgeführt. Reflexartig streiche ich diese komplett und verkünde, dass ich die Plätzchen und Kuchen beim Bäcker bestellen werde. Rena blickt verächtlich zu mir rüber und sagt mit zusammengekniffenen Augen :“Diese Menschen haben dich großgezogen und versorgt und du willst nicht mal ein paar Plätzchen backen? Es ist Weihnachten! Man weiß nie wie viele glückliche Feste man noch feiern darf!“ . Alles klar, die Kategorie „Essen und Trinken“ ist, dank voller Gewissensbreitseite, wieder dabei.

Brav fahre ich am nächsten Tag zum Supermarkt und gehe mit meiner Liste durch die Regale. Dinge wir Tiefkühlpizza und Cornflakes finde ich sofort aber für Sachen wie Mehl, Vanillearoma und Puderzucker brauche ich etwas länger. Genau anderthalb Stunden insgesamt. Opfer des Konsums, das ich nunmal bin, kaufe ich noch allerhand Anderes und schleppe mich am Ende mit 5 vollen Tüten zum Auto. Zuhause packe ich Alles aus und die Einbauküche wirkt zum ersten Mal nicht, also wäre man in einem unbewohnten Musterhaus. Plötzlich habe ich das Gefühl auch in mir steckt eine Hausfrau und zukünftige Mutter. Noch bevor Rena ankommt fange ich einfach alleine an zu backen. Das kann doch wohl jeder. Als der „Head of Christmas Organisation“ eine Stunde später endlich bei mir klingelt sieht die Küche aus wie ein Schlachtfeld, ich bin voller Mehl und im Ofen ist etwas, das später ein Kuchen in Christbaumform sein soll. Schockiert beurteilt Rena die Lage als Totalschaden aber ich nicht. Ich habe tatsächlich Spaß. Vergnügt erinnere ich mich daran, dass meine Mama mir früher immer verboten hat den rohen Plätzchenteig zu essen und mir wird klar, dass ich jetzt ganz dreist meinen eigenen Teig herstellen kann. Ungeahnte Möglichkeiten. Getragen von diesen neuen Erkenntnissen backte ich an diesem Abend noch 2 Kuchen und fast gute Vanillekipferl. Gut, Rena war die Executive aber ich war körperlich anwesend und geistig beflügelt.
Stolz verstaute ich diese geschichtsträchtigen Backwerke im Keller und ging schlafen.

Am nächsten Tag stand Deko auf dem Plan. Ein mir gänzlich neues Feld. Der Wohn-Essbereich meines Hauses ist ganz in grau und weiß gehalten. Dieses Vorzeigemodel moderner Einrichtungskunst in das Haus vom Nikolaus zu verwandeln würde krasse Mittel erfordern. Ich setze mich in mein Auto und fuhr, bewaffnet mit meiner Kreditkarte und dem Willen eines Guerillakämpfers, zum größten Gartencenter der Umgebung. Dort angekommen musste ich überrascht feststellen, dass ich nicht die einzige war, die jetzt gern einen Baum und Weihnachtskitsch kaufen möchte. Verblüffend. Durch die Lautsprecher dröhnte, wie könnte es auch anders sein, „Last Christmas“ von WHAM und ich kam in Stimmung. Der Plätzchenerfolg vom Vorabend und die Motivation der Leute um mich steckte mich an. Hektisch schnappte ich mir einen, gerade freigewordenen, Einkaufswagen und lief erwartungsvoll Richtung Eingang. Und ich wurde nicht enttäuscht. Das war kein Gartencenter, das musste Disneyland sein! Überall blinkten Lichterketten und wirklich Alles war irgendwie bunt und schön. Es war eine gigantische Weihnachtswelt und eine Art Christkindlsmarkt aufgebaut. Reizüberflutung. Vergessen sind meine Christmasmuffelein und ich bekomme spontan das Gefühl ohne einen lebensgroßen Deko-Plüschelch im Wohnzimmer nicht weitermachen zu können. Ich war mental wieder fünf aber diesmal hatte ich mehr als 10 Mark Taschengeld zu Verfügung- böse Kombination. Doch noch bevor es komplett eskalieren konnte, fiel mir Renas Liste ein. 26 Artikel hatte sie aufgelistet. In einer Wolke von Kindheitserinnerungen und Glühweinduft schwebte ich durch den Markt. Mit größter Begeisterung suchte ich von den Servierten mit Jesusaufdruck bis zum, auf Knopfdruck tanzenden Santa Clause, Alles aus, was man sich nur vorstellen kann. Und nun war es soweit. Das Herzstück des ersten „Sara Schätzl ist nun erwachsen und organisiert eine Adventsfeier“-Happenings sollte gekauft werden- der Baum ! In der richtigen Abteilung angekommen, schnappte ich mir sofort einen Verkäufer und forderte den schönsten und größten Baum den er habe. Ungefragte quatschte ich ihn damit voll, dass nämlich meine Familie zu Besuch käme und deswegen nur das Beste gekauft werden darf. Er stellte mir eine 3 Meter Nordmanntanne vor die Nase und ohne zu zögern lies ich diese schonmal zu Kasse bringen.

Es lief super für mich. Ich hatte genug Dekorationskram um meine gesamte Straße zu schmücken, der Weihnachtshype meiner Kindheit war zu mir zurückgekehrt und nichtmal die, mir bevorstehenden, Extrapfunde nach den Feiertagen konnten mir die Laune ruinieren. Ich fühlte mich unglaublich und konnte die Ankunft meiner Family kaum erwarten. An der Kasse bezahlte ich eine vierstellige Summe. Normalerweise überlege ich dann reflexartig welche Chanelhandtasche das hätte sein können, aber diesmal nicht. Der Mitarbeiter aus der Bäumchenabteilung schleppte meine Monstertanne zum Jeep und ich schlichtete gerade meine Einkäufe auf den Rücksitz. Und nun kommen wir zu Moment X, mit dem diese Geschichte begann.
Neben dem Auto standen plötzlich 2 Kinder. Ein Junge und ein Mädchen in einem rosa Barbieannorack. Er muss ungefähr 14 gewesen sein, sie höchstens 10. Sie starrten mich unsicher an und ich sagte einfach mal „Hi“. Dann bemerkte ich eine ältere Dame hinter ihnen, die gut gelaunt „Na los, traut euch“ flüsterte und mich anlächelte. Der Junge sah schüchtern auf seine Schuhe und fing dann langsam an zu sprechen :“ Hallo, wir sind hier um zu sammeln. Deswegen fragen wir Jeden, ob er uns eine seiner Weihnachtskugeln schenkt, damit wir am Schluss unseren Baum schmücken können.“
Ich war wie versteinert. Mein Kopf war leer und ich starrte sekundenlang auf einen leuchtenden Plastikelch neben meinem Auto. Gewaltsam zwang ich mich zu einem Lächeln, denn ich wollte die Kinder nicht erschrecken. Die Frau hinter ihnen reichte mir einen Prospekt und fing an sich zu erklären. Noch immer hatte ich Nichts sagen können und kämpfte gegen die Tränen. Dann beugte ich mich zu den zwei Kleinen runter und sagt : „Das ganze Auto ist voller Weihnachtskram. Sucht euch was aus!“ . Sofort schritt die ältere Dame ein und meinte „Wir wollen ihr schönes Auto aber nicht dreckig machen. Sind Sie sicher, dass das ok ist? Wir freuen uns auch über eine einzelne Kugel für unseren Baum.“. Mit einem Augenzwinkern und einer schnellen Handbewegung Richtung Hintertür gab ich den Kids den Startschuss zum Suchen.
Während die Kleinen eifrig jede Tüte durchsahen, stellte sich die Frau als Leiterin eines Münchner Kinderheimes vor. Da die staatlichen Mittel momentan so begrenzt wären, würden sie die Menschen um Weihnachtsschmuck bitten, damit die Kinder am 24. einen schönen Tag haben könnten. Noch immer hielt ich die Tränen zurück aber eine schaffte es dann doch aus meinem Auge. Als wäre ich einer ihrer Schützlinge nahm sie mich in den Arm. Der Junge reckte den Kopf aus dem Auto und hielt mir den Tanzenden Santa Clause entgegen. „Darf ich den haben?“ fragte er vorsichtig. „Klar, wäre auch mein Favourit gewesen!“ gab ich lachend zurück. Die Wahl des kleinen Mädchens allerdings viel auf mein Louis Vuitton Schminktäschchen, das ich noch am Rücksitz liegen gelassen haben musste. Guten Geschmack hat die Prinzessin. Ich widersprach nicht und die beiden waren aus dem Häuschen. Artig verabschiedeten sie sich und rannten zu den anderen Kindern auf dem Parkplatz. Die Heimleiterin gab mir die Hand und bedankte sich vielmals.

Als ich im Auto saß fühlte ich mich leer und verwirrt. Zuhause angekommen setzte ich mich auf meine Couch starrte durch das Fenster auf mein Auto. Rena fuhr gerade vor und als ich ihr die Tür öffnete setzte sie mir ein Reentiergeweih aus rotem Filz auf dem Kopf und fing an vor Begeisterung zu quiecken. Wortlos streckte ich ihr den Prospekt des Kinderheimes entgegen und sie wurde still. Nachdem ich ihr von der Begegnung am Parkplatz erzählt hatte, saßen wir wortlos am Küchentisch. Irgendwas musste jetzt passieren. Noch immer studierte die, nun sehr wortkarge, Weihnachtselfe den Zettel und bemerkte dann neutral „das ist ja gleich um die Ecke“ .
Und da war Alles klar. Ich zog Rena ins Auto und fuhr los. Am Heim angekommen sprang ich aus dem Auto und klingelte an dem alten Haus. Ein Junge, um die 16 Jahre, öffnete und ich bat ihn die Chefin zu holen. Und da kam sie auch schon, die Frau, die mich am Parkplatz umarmt hatte, obwohl sie es viel mehr verdient hätte als ich. Überrascht sah sie mich an und meinte „ Wollen sie uns auf einen Tee besuchen?“. Mittlerweile standen fünf oder sechs Kinder hinter ihr und verfolgten gespannt das Geschehen. „Nein, ich wollte fragen, ob sie schon einen Baum haben und vielleicht noch etwas Dekoration gebrauchen können?“. Sie sagte erstmal nichts und dann fragte sie vorsichtig, ob das unser Ernst sei. Lachend zeigte ich auf das Auto und bekundete, dass ich noch ein paar Sachen übrig hätte. Die Kinder freuten sich und zogen sofort ihre Schuhe und Mäntel an. Nun lächelte auch die Leiterin und trat zu Seite damit die Kinder zum Auto laufen konnten. Gemeinsam räumten wir Alles aus und trugen den großen Baum ins Haus.
Die Kleinen waren ausser Rand und Band. 8 Kinder leben dort insgesamt mit 3 Betreuern.
Und ich lud Alle zu meiner Weihnachtsfeier ein. Und Alle kamen.


Es war die schönste Feier, die ich mir hätte vorstellen können. Überall um uns herum sind Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Ich musste durch dieses besondere Erlebnis erst lernen, sie auch zu sehen.
Tun Sie das Gleiche ! Es ist ja schließlich Weihnachten..