Über den Wolken ... muss die Panik wohl grenzenlos sein

Dieser Text entsteht gerade 11.000 Meter über dem sicheren Boden. Das allein ist ein Skandal. Was mache ich nur hier? Warum steige ich immer wieder, trotz gerechtfertigter Angst, in ein Flugzeug? In diesem Fall, weil ich 14 Stunden zuvor, um 2 Uhr Nachts, spontan beschloss, Bekannte in Madrid zu besuchen. Ach, ich bin aber auch so leicht zu begeistern. Man schreibt mir mal kurz ein paar SMS, wenn ich schon einen Drink hatte, und ich nehme den nächsten blöden, unmenschlich teuren, Wucherflug nach Madrid. In meiner Sektlaune hätte ich fast für Madrid in Mexico gebucht. Falsche Stadt, falsches Land aber billiger wäre es gewesen. Dann ging ich erstmal schlafen. Als der Wecker ein paar Stunden später klingelte, trug ich es mit Fassung und freute mich auf meine Freunde. Die Stadt an sich ist mir egal denn ich habe es nicht so mit Sightseeing. Im Halbschlaf packte ich meine Sachen und blieb wohl der Tradition treu, die Hälfte zu vergessen. Soweit Alles gut. Aber dann kam mein Taxi und schnell erreichten wir den Münchner Flughafen. Und dann ging es wieder los-ich bekam Bauchweh. Aber, tapferes Blondinchen, das ich bin, zog ich die Standardprozedur durch. Sogar der, mir neuen, Herausforderung des „Self-Check-in“ stellte ich mich souverän. Natürlich werde ich am Sicherheitscheck gefilzt als wäre mein Nachnahme Bin-Laden und die Kombination von Unterwäsche und Digicam in meinem Handgepäck sorgt für pseudowissende Blicke. Schön wärs, wenn es in meinem Privatleben gerade was zu filmen gäbe, das ich in Unterwäsche tue.
Es ist anscheinend ein Naturgesetz, dass mein Gate am ganz anderen Ende des Flughafens liegt. Ich trottete lustlos durch die Terminals und diversen Geschäfte als ich, nach gefühlten 10 Kilometern, Gate G08 erreiche. Und da stand es dann auch schon hinter der Glasfront, das Flugzeug. Selbst nach minutenlangem Anstarren, finde ich kein Vertrauen zu dem Vehikel. Zu dem Bauchweh gesellte sich Schwindel. Mit dem einschläfernd langweiligen Norah-Jones-Album versuche ich mich zu beruhigen. Die Mutter aller Standardfloskeln gegen Flugangst schoss mir ins Gedächtnis : Fliegen ist die sicherste Art zu Reisen. Aha. Schon klar. Abgesehen davon, dass mir das nicht mal fast weiterhalf, brachte es mich zum nachdenken. Der Mensch ist nicht dazu gemacht zu fliegen. So war es, ganz klar, nicht geplant, denn sonst hätten wir Flügel. Nun sind wir wohl unbestritten Landlebewesen aber schaffen es doch irgendwie statistisch in 11000 Metern Höhe (!!) sicherer zu sein als auf dem Boden. Wow. Das spricht nicht gerade für uns oder das was wir da unten so treiben. Leider kann ich diese tiefgründigen, von Überlebensangst geschwängerten, fundamentalen Überlegungen hier nicht vollkommen ausführen, denn ich fliege in diesem Moment durch starke Turbulenzen. Und ich meine nicht diese „Ach es wackelt ein bisschen, ich kann schlecht schlafen“-Turbulenten. Nein, ich spreche von Schwierigkeiten, die mich vermuten lassen, dass Gott seine Hand um das Flugzeug gelegt hat und jetzt wütend schreit: „Ihr solltet doch nicht fliegen!“. Und in meiner Panik denke ich: „Recht hat er! Tut mir ja leid“. An dieser Stelle ein inbrünstiges „Fuck you! MAN HÄTTE ES AUCH MAL GUT SEIN LASSEN KÖNNEN“ an die Gebrüder Wright.

Jetzt wird der geneigt Leser sich natürlich fragen, wie ich in einer solchen Situation noch schreiben kann. Das ist, in der Tat, auch mir ein Rätsel. Aber kurz nach dem Start bemerkte ich, dass meine übliche Flugangst in panische Raserei umzuschlagen drohte. Es lag wohl an der Kombination von schlechtem Wetter, zu wenig Schlaf, zu viel Café und generellem Misstrauen gegen die Luftfahrt und dieses Flugzeug in Speziellen. Ich atmete immer schneller, mir wurde zunehmende schwarz vor Augen und ich zitterte. Erbärmlich Performance.Da ich dieses Mal aber weder meine Roadtrip-Beistands-Chihuahua dabeihatte, noch rezeptpflichtige Beruhigungsmittel in Aussicht schienen, brauchte ich für die restlichen 2 Stunden Flug einen Plan. Spontanes Aussteigen war ja auch keine Lösung. Ich holte den heiligen pinken Apple aus dem Handgepäck und schrieb einfach los um mich abzulenken. Bis jetzt eben.

Und nun ist es schon 17:04 Uhr und die planmäßige Landung um halb sechs scheint zum greifen nahe. Klar, wenn uns jetzt ein oder zwei Triebwerke ausfallen, werden wir kaum bis Madrid gleiten können sondern ganz unschön am Boden zerschellen und es die quälenden Minuten des Absturzes auch Alle genau wissen. Sollte es so kommen, will ich doch schon hoffen, dass man mein Notebook in den Trümmern so akribisch sucht wie den Flugschreiber. Schließlich muss ja, spätestens beim durchgehen der Passagierlisten, klarwerden, dass hier Weltliteraturerbe in Gefahr ist. Sobald man tot ist, begeistern sich die Leute ja immer viel mehr für die Werke von egal wem. Bei mir wäre es wohl auch so. Einzig gute Sache an dem Ganzen.
Nun kommt es also auf den Ausgang dieses Fluges an, wo ihr diesen Text gerade lest. Sollte ich abgestürzt sein, wird er wohl erst auf den Titelseiten der ganz großen Blätter veröffentlicht und ein paar Jahre später unter den Pflichtlektüren der Deutsch-LKs zu finden sein. In jedem Fall, wird man meine Rechtschreib- und Interpunktionsfehler korrigiert haben.
Sollte die Blechbüchse aber, wie geplant, in wenigen Minuten in Madrid landen, lest ihr es wohl nur, mit wenig Glanz und Gloria, einfach auf der ollen Homepage. Bisschen öde. Trotzdem fände ich es erstmal besser...