Plötzlich Kolumnistin ?

Meine Wahlheimat München ist ein Dorf. Hier weiß immer jeder gleich Alles. Die Neuigkeiten verbreiten sich, wie bei „Flüsterpost“ rasend schnell, per gedämpften Geplapper, von einem zum anderen. Und, ebenfalls wie bei dem beliebten Kinderspiel, wird der Inhalt immer leicht verändert bis am Schluss eher eine Saga als ein Fakt herauskommt. Das ist eigentlich sehr lästig und ärgerlich aber, nach 5 Jahren hier, habe ich keine Wut-Ressourcen mehr mich darüber aufzuregen. Allerdings führt es auch dazu, dass jeder weiß, dass ich jetzt schreibe und ich mich nicht immer großartig rechtfertigen muss, was ich so machen würde. Es gibt regelrechte Epizentren des Klatsch und Tratsch, zum Beispiel das P1. Auch wenn der Laden, seit seiner Renovierung, ein wenig wie eine Gruft anmutet, verirre ich mich gern dorthin. Denn dort kenn ich fast jeden Gast und es gibt einen Parkplatz direkt vor dem Eingang. Bei Temperaturen unter Null ist bei mir jeder Club, ohne Parkmöglichkeit vor der Tür, direkt raus.
So saß ich also gestern Abend gerade stumm auf meinem Barhocker als ein alter Bekannter, den ich 2 Jahre nicht gesehen hatte, auf mich zustürmte. Nach dem obligatorischen „Du siehst ja fabelhaft aus, Kleine!“ bekam ich die Zusammenfassung seiner beiden Auslandssemester und seiner Fast-Beziehung zu einer Kommilitonin. Sein Studium interessierte mich wenig aber als er zur seiner unglücklichen Liebe kam, war ich total bei ihm- da kenn ich mich schließlich aus. Und just als ich anfangen wollte wiedermal von meinem aktuellen Liebes-Armageddon zu erzählten, fragte er „Und was machst du jetzt so?“. Der Klatsch hatte ihn wohl im Ausland verschont. Ja, was mach ich denn eigentlich so? Irgendwie weiß ich nie, was ich auf diese Frage antworten soll also sagte ich mal mutig: „Ich bin jetzt Kolumnistin“. Er sah mich ungläubig an und fragte verblüfft wie das denn gekommen sei. Worauf ich, wahrheitsgetreu, antwortete: „ Keine Ahnung“.
Ich entschuldigte mich kurz, ging mit meine Zigarette nach draußen und platzierte mich, taktisch klug, direkt neben dem Heizstrahler. Dort stand ich nun. Ich wollte gar nicht rauchen. Die Zigarette in meiner Hand war mehr ein Alibi um nicht ganz so bemitleidenswert auszusehen, während ich nachdenklich alleine in die Nacht starrte. Innerlich war ich mir nicht ganz sicher, ob es ok ist, wenn sich jemand wie ich Kolumnistin nennt und irgendwie hatte ich nun das Gefühl meinen Kumpel angelogen zu haben. Ja, ich hatte da eine Homepage und es wird ab und zu etwas von mir gedruckt aber darf ich mich deswegen Kolumnistin nennen? Cary Bradshaw aus „Sex and the City“ ist Kolumnistin. Aber ich? Ich bin ja irgendwie nur ein Mädchen, das ein Tagebuch im Netz führt. Ich schämte mich. Und noch viel mehr schämte ich mich für meine Visitenkarten, denn auf denen stand seit einem halben Jahr „Autorin“. Damals hatte ich eine regelrechte Umfrage unter meinen Facebookfreunden gestartet, welche Berufsbezeichnung nun auf einer Businesscard angemessen sei. Und da ich verschiedene Arten von Texten verfasse viel die einstimmige Wahl auf „Autorin“. Immer wenn ich eine der Karten hergebe, fühle ich mich wie einer der Trickbetrüger von denen man immer im TV hört. Vor 6 Jahren hatte ich die Schule geschmissen um als Schauspielerin und, seien wir ruhig ehrlich, öffentliches Ärgernis zu arbeiten. Vor einem halben Jahr beschloss ich dann einfach ganz frech zu schreiben. Ohne Studium oder Vorkenntnis. Die Cafétante aus einem Verlagshaus hätte mehr Ahnung gehabt als ich. Dementsprechend vielen auch die Reaktionen auf diese Idee aus. Ich erntete aus allen Reihen Wiederspruch und wurde belächelt. Die Skandalnudel mit den kurzen Kleidchen wollte jetzt schreiben?! Guter Witz! Eines Nachts weinte ich erstmal hemmungslos ein paar Stunden durch und dann erwachte der Trotz in mir. Der Trotz und ich sind gute Freunde. Er war es meist der mich weitermachen ließ, wenn keiner mehr daran glaubte und es eigentlich auch keinen Sinn hatte. Am nächsten Morgen rief ich meinen Tätowierer (das schreibt man wirklich so) an und lies mir „Lebe frei und träume laut“ auf den Rücken stechen. Im Anschluss kaufte ich ein Macbook und zuhause starrte ich es, noch in der Verpackung, eine sehr lange Zeit an. Während ich also auf meiner Couch saß und auf das Applelogo starrte, drängte sich ein, mir sehr bekannter, Gedanke auf : Was mache ich hier eigentlich? Warum hatte ich nie mein Abi gemacht und was Vernünftiges gelernt? Meine Familie hatte vielleicht immer Recht und ich hätte irgendwas Nettes studieren sollen, wie all meine ehemaligen Klassenkameraden. Dann wäre ich bald Ärztin oder Anwältin. Und das dürfte ich dann auch, mit jedem Recht, auf meine Visitenkarte schreiben. Gerade als es aussah, als würde der Apfel der Computerlogos mich anstarren, wurde mir eine wichtige Sache wieder klar: Ich wollte nie Anwältin oder Ärztin sein. Also was soll´s?! Dann liest sich mein Lebenslauf eben wie das Tagebuch des Wahnsinns und auch Google wird die ganzen Highlights meiner letzten 5 Jahre wohl nicht einfach vergessen. Mein bisheriger Weg hat mir massig Ärger, Sorgen und Ängste eingebracht aber ich würde ihn wieder gehen. Vielleicht sehe ich das eines Tages anders, aber das kann jetzt niemand wissen. Ausser meine Omi, die ist sich da sicher. Aber ich glaube, das ist ein Oma-Ding und hat nicht so sehr direkt was mit mir zu tun.
Ich nahm also das Macbook, holte es endlich aus seiner Verpackung und dann fing ich an zu schreiben...
Mehr war es eigentlich nicht. Ich setzte mich hin und schrieb einfach Alles auf, worüber ich gerne lachen, weinen oder nachdenken wollte. Sehr simples Konzept. Und so blieb es bis heute. Und so soll es bleiben.

Meine Freundin Karen drängelte sich zu mir unter meinen Heizstrahler. Mit einem freundlichen „Bist du eigentlich bescheuert einfach zu verschwinden?!“ riss sie mich aus meinen Gedanken. Ohne nachzudenken fragte ich sie „Kari, was würdest du sagen, ist mein Beruf?“. Ohne auch nur eine Sekunde zögern sagte sie schroff „Ist doch egal. Hauptsache es ist dein Ding. Und Alles was du machst warst schon immer hundert Prozent du. Hundert Prozent bekloppt aber irgendwie gut. Da brauchst du doch keinen Namen dafür.“ Hm. Ja, wahrscheinlich hatte sie recht. Ich musste lachen. Aber weil sich „Mein Ding“ auf der Businesscard etwas seltsam liest, werde ich wohl erstmal Alles beim Alten lassen.
Für das nächste Jahr habe ich mir vorgenommen das Schreiben, das ich momentan Beruf nennen darf, so gut zu machen, dass ich mich nicht mehr schäme eine Autorinnen-Visitenkarte herzugeben .
Hoffentlich wird das was- sonst muss ich doch Karten mit „ Sara Schätzl - Hat das Gymnasium abgebrochen und macht jetzt Irgendwas mit Medien“ drucken lassen.